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Deutscher Buchpreis 2026: Longlist, Shortlist und Gewinner

Deutscher Buchpreis 2026: Longlist, Shortlist und Gewinner
CineBuch Redaktion · Deutscher Buchpreis 2026

Zwanzig Romane, zwanzig sehr verschiedene Vorstellungen davon, wie Gegenwart erzählt werden kann. Unser Überblick ordnet die Longlist nicht nach Rang, sondern nach Leseerfahrung – präzise, spoilerfrei und mit einem eigenen Blick auf jedes Buch.

Aktueller Stand: Die Longlist ist veröffentlicht. Dieser Beitrag wird nach Bekanntgabe der Shortlist und des ausgezeichneten Romans redaktionell ergänzt.
Longlist
Shortlist
Preisverleihung
Der redaktionelle Blick

Was diese Longlist verbindet

Die auffälligste Bewegung dieser Auswahl führt nicht in eine gemeinsame Richtung, sondern zurück zu den Stellen, an denen Biografien brüchig werden: in Familienarchive, politische Umbrüche, verdrängte Gewalt, Migration und Arbeit. Vergangenheit erscheint dabei selten als abgeschlossene Epoche. Sie sitzt in Körpern, Landschaften, Häusern und Redewendungen – und verändert, was Figuren in der Gegenwart für möglich halten.

Ebenso markant ist die Lust an Formen. Manche Romane entfalten ein großes Figurenpanorama, andere arbeiten mit Briefen, Protokollen, Erinnerungsstücken oder bewusst unzuverlässigen Stimmen. Die Longlist 2026 belohnt keine einheitliche Ästhetik. Sie zeigt vielmehr, wie unterschiedlich Literatur Ordnung in eine unübersichtliche Welt bringen kann – und wann sie sich dieser Ordnung mit guten Gründen verweigert.

So lesen wir die Liste: Die folgenden Gruppen sind keine Qualitätsrangfolge. Sie helfen dabei, den Roman zu finden, der zur eigenen Neugier, zum bevorzugten Erzähltempo und zur gewünschten Form passt.
Leseweg 01

Geschichte, die nicht vergeht

Diese Romane fragen nicht nur, was geschehen ist. Sie untersuchen, wie Erfahrungen weitergegeben, beschwiegen oder in einer späteren Generation neu gelesen werden.

Lukas Rietzschel mit dem Roman Sanditz – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Lukas Rietzschel

Sanditz

Sanditz ist bei Lukas Rietzschel mehr als ein fiktiver Ort am Rand der Republik: Die Kleinstadt wird zum Gedächtnisraum, in dem sich die Wege der Familien Wenzel und Moschnick mit deutscher Zeitgeschichte verschränken. Von der späten DDR bis in die Gegenwart wechseln Zeitebenen und Perspektiven, ohne die Figuren zu bloßen Belegen einer politischen These zu machen.

Der Roman ist besonders stark, wenn Fürsorge und Verrat, Aufbruch und Selbsttäuschung gleichzeitig in einer Szene liegen. Trockener Humor hält das weit gespannte Panorama offen; ausführliche Kriegskapitel verändern seinen Ton spürbar. So entsteht kein bequemes Nachwende-Epos, sondern eine genaue Erkundung dessen, was Geschichte in Familien anrichtet – und was trotz allem zwischen Menschen bestehen bleibt.

  • Gesellschaftspanorama
  • Ostdeutsche Geschichte
  • Multiperspektivisch
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Shida Bazyar mit dem Roman Die Lücken – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Shida Bazyar

Die Lücken

Im Hunsrückdorf Heimesbach lagern Erinnerungen nicht ordentlich im Archiv. Sie stecken in Häusern, Familiengeschichten und den Auslassungen einer Gemeinschaft, die ihre Vergangenheit gern für abgeschlossen hält. Shida Bazyar lässt eine Stimme zur Schwester Lu sprechen und verbindet persönliche Nähe mit der Frage, wer in einer deutschen Dorfgeschichte vorkommen darf – und wer aus ihr herausgeschrieben wurde.

Die langen, rhythmisch geführten Sätze verlangen Aufmerksamkeit, tragen aber auch die besondere Spannung des Romans: Immer wieder kippt Vertrautes ins Unheimliche, Ironie in moralische Unruhe. Bazyar füllt die Lücken des Titels nicht vorschnell. Sie macht sie sichtbar und zeigt, wie eng nationalsozialistische Vergangenheit, Migration und familiäre Erinnerung miteinander verbunden bleiben.

  • Erinnerungspolitik
  • Familie & Herkunft
  • Rhythmische Prosa
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Svenja Leiber mit dem Roman Nelka – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Svenja Leiber

Nelka

1941 wird die sechzehnjährige Nelka aus Lemberg zur Zwangsarbeit auf einen norddeutschen Gutshof verschleppt. Wissen, das ihr Vater ihr über Obstbau und das Veredeln von Apfelbäumen vermittelt hat, wird dort zu einer schmalen Form von Schutz. Jahrzehnte später kehrt sie an den Ort zurück, an dem Landschaft und Wohlstand noch immer von ausgebeuteter Arbeit erzählen.

Svenja Leiber wählt für diesen Stoff eine ruhige, konzentrierte Sprache. Sie macht historische Gewalt weder zum Spektakel noch zur bloßen Kulisse, sondern folgt ihren langen Spuren in Körpern, Beziehungen und Besitzverhältnissen. Der Apfelbaum ist dabei kein gefälliges Symbol: An ihm verbinden sich Können, Überleben, Aneignung und Erinnerung. Ein stiller Roman, dessen Klarheit lange nachwirkt.

  • Zwangsarbeit
  • Erinnerungsroman
  • Ruhig & präzise
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Miriam Carbe mit dem Roman Unerwünschte Töchter – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Miriam Carbe

Unerwünschte Töchter

Margarethe, Marianne, Monika und Miriam: Vier Frauen tragen eine deutsche Familiengeschichte durch mehr als ein Jahrhundert. Tagebücher und Notizhefte bilden den materiellen Ausgangspunkt, doch Miriam Carbe schreibt keine geordnete Chronik. Sie hört auf das, was diese Aufzeichnungen festhalten, und ebenso aufmerksam auf das, was zwischen den Generationen keinen Namen bekommen hat.

Kriege, der Wechsel von Dresden in den Westen, weibliche Unabhängigkeit und der Rassismus innerhalb der eigenen Familie greifen ineinander. Die große Zeitgeschichte bleibt dabei immer an konkrete Beziehungen gebunden: Liebe schützt nicht automatisch vor Verletzung, Bildung nicht vor Vorurteilen. Gerade diese Widersprüche geben dem umfangreichen Debüt seine erzählerische Kraft.

  • Vier Generationen
  • Familienarchiv
  • Autofiktionale Nähe
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Peggy Mädler mit dem Roman Selbstregulierung des Herzens – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Peggy Mädler

Selbstregulierung des Herzens

In einer brandenburgischen Wochenendsiedlung treffen Lebensentwürfe aufeinander, die aus verschiedenen Jahrzehnten und politischen Systemen stammen. Georg denkt in den Modellen von Kybernetik, Planung und Arbeit; Mona sucht als Künstlerin nach anderen Formen von Gemeinschaft und Fürsorge. Zwischen ihnen liegt die Frage, ob sich ein Leben tatsächlich steuern lässt.

Peggy Mädler erzählt ruhig und assoziativ. Sie lässt Gegenstände, Gespräche und Erinnerungen über lange Zeiträume miteinander korrespondieren, statt die Umbrüche nach 1989 in einfache Gewinner- und Verlierergeschichten zu sortieren. Der Titel enthält dabei schon den klugen Widerspruch des Romans: Systeme können sich regulieren – Herzen, Beziehungen und Biografien nur sehr bedingt.

  • Arbeit & Fürsorge
  • Ost-West-Biografien
  • Assoziativ erzählt
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Helene Bukowski mit dem Roman Wer möchte nicht im Leben bleiben – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Helene Bukowski

Wer möchte nicht im Leben bleiben

Helene Bukowski nähert sich der Pianistin Christina über Briefe, Fotografien, Kassetten und die Chronik des Vaters. Aus diesen Fundstücken entsteht kein lückenloses Porträt, sondern eine behutsame Annäherung an ein Künstlerinnenleben zwischen Berlin, Moskau, Ausbildung, Familie und den Erwartungen einer Zeit.

Die Anrede in der zweiten Person schafft eine ungewöhnliche Nähe und bewahrt zugleich die Distanz zu dem, was sich nicht mehr sicher wissen lässt. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es erfindet die Leerstellen eines Archivs nicht bedenkenlos aus, sondern macht den Wunsch spürbar, einem vergangenen Leben gerecht zu werden. Ein konzentrierter Roman über Kunst, Erinnerung und die Grenzen jeder Rekonstruktion.

  • Künstlerinnenleben
  • Archiv & Erinnerung
  • Formbewusst
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Leseweg 02

Zugehörigkeit kennt keine Gerade

Mehrsprachigkeit, Migration und politische Grenzen werden hier nicht erklärt, sondern aus widersprüchlichen Lebenslagen heraus erzählt.

Karosh Taha mit dem Roman Gulistan – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Karosh Taha

Gulistan

Gulistan lebt als kurdische Frau im Irak unter Saddam Hussein. Als Çiya, ein ihr nahestehender Mann, verschwindet und später als Doppelgänger des Diktators auftaucht, geraten private Bindung und staatliche Inszenierung unauflöslich ineinander. In einer Welt, in der Macht auch über Bilder und Erzählungen ausgeübt wird, ist selbst Gewissheit politisch.

Karosh Taha arbeitet mit wechselnden Stimmen und einer dichten, bildhaften Sprache. Der Roman interessiert sich weniger für die Mechanik eines historischen Plots als für die psychische Wirklichkeit von Kontrolle, Angst und Widerstand. Gulistan bleibt dabei nicht auf die Rolle eines Opfers festgelegt: Ihre Wahrnehmung, ihre Wut und ihr Beharren tragen das Buch.

  • Diktatur & Widerstand
  • Kurdische Perspektive
  • Polyphon
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Alisha Gamisch mit dem Roman Parasiti – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Alisha Gamisch

Parasiti

Ein Brief bringt Bewegung in das Schweigen zwischen Rina, ihrer Tante Valli und der Großmutter Lydia. Von Nowosibirsk über die Erfahrung der Aussiedlung bis nach Fürstenfeldbruck verfolgt Alisha Gamisch drei russlanddeutsche Frauen, die Zugehörigkeit jeweils anders erlernen, verteidigen oder von sich weisen.

Der Roman erzählt Migration nicht als abgeschlossene Reise von dort nach hier. Sprache, Körperbilder, Scham und familiäre Fürsorge tragen die alten Ordnungen in die nächste Generation. Gamisch schreibt mit spürbarer Nähe zu ihren Figuren, ohne ihre Konflikte zu versöhnen. Dadurch wird Parasiti zu einem Roman über das Erben – auch über jenes Erbe, das niemand bewusst weitergeben wollte.

  • Russlanddeutsche Geschichte
  • Drei Generationen
  • Körper & Sprache
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Tomer Gardi mit dem Roman Liefern – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Tomer Gardi

Liefern

Lieferfahrerinnen und Lieferfahrer bewegen sich durch Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires; Rosen aus Kenia reisen in derselben Welt oft geradliniger als die Menschen, die sie schneiden, verpacken oder an die Tür bringen. Tomer Gardi verbindet diese Wege zu einem Roman über Plattformarbeit, Migration und globale Abhängigkeiten.

Das klingt nach einem großen Thesenbuch, liest sich aber beweglicher. Stimmen, Sprachen und Schauplätze wechseln, komische Volten stehen neben Verlust und Ausbeutung. Gardi erklärt die Lieferkette nicht von oben. Er folgt ihr auf Augenhöhe und macht sichtbar, wie ökonomische Systeme in Freundschaften, Körper und Sätze hineinreichen.

  • Globale Lieferketten
  • Sprachspielerisch
  • Verknüpfte Geschichten
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Muri Darida mit dem Roman King Cobra – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Muri Darida

King Cobra

Der queere Filmemacher Lazi bewegt sich zwischen Berlin und einer ungarischen Familiengeschichte, in der Nähe, Gewalt und Schweigen eng beieinanderliegen. Ein Gewehr aus dem Besitz des Großvaters wird zum Gegenstand, an dem sich Fragen nach Erinnerung, Gerechtigkeit und der Versuch einer eigenen Erzählung entzünden.

Muri Darida verbindet formale Beweglichkeit mit überraschend viel Zärtlichkeit und schwarzem Humor. Mehrsprachigkeit ist hier kein dekoratives Signal, sondern Teil der Erfahrung: Je nachdem, wer spricht und in welcher Sprache, verändert sich auch, was sagbar wird. King Cobra ist deshalb ebenso Familienroman wie Untersuchung darüber, was ein Bild festhalten kann – und was ihm entkommt.

  • Queere Perspektive
  • Ungarische Familiengeschichte
  • Formal beweglich
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Dana Vowinckel mit dem Roman Anton und Alma – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Dana Vowinckel

Anton und Alma

Anton und Alma erzählen abwechselnd von einer Beziehung, die nach dem 7. Oktober unter den Druck politischer Ereignisse, digitaler Bilder und unterschiedlicher Erfahrungen jüdischer Gegenwart gerät. Die private Frage, wie zwei Menschen einander erreichen, lässt sich plötzlich nicht mehr von Herkunft, Öffentlichkeit und Loyalität trennen.

Dana Vowinckel verteilt die Deutungshoheit bewusst auf beide Seiten. Dadurch entsteht kein Debattenroman mit sauber markierten Positionen, sondern das genaue Protokoll einer Nähe, in der jedes Wort ein anderes Gewicht bekommen hat. Das Buch verlangt die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten – und gewinnt gerade dort an Kraft, wo Liebe keine Abkürzung zur Einigkeit bietet.

  • Jüdische Gegenwart
  • Beziehungsroman
  • Zwei Perspektiven
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Leseweg 03

Nähe, Körper, Selbstbestimmung

Vier Bücher über Erwartungen, die sich in Beziehungen und Körper einschreiben – und über Figuren, die ihre eigene Sprache dafür erst finden müssen.

Yade Yasemin Önder mit dem Roman Anti Müller – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Yade Yasemin Önder

Anti Müller

Eine namenlose Erzählerin kreist um Kinderwunsch, Schreiben und die Beziehungen zu Kar und Andi. Was nach einer klaren Lebensentscheidung klingt, zerfällt in Stimmen, Nachrichten, Listen und Einwände. Yade Yasemin Önder lässt das Ich nicht souverän über seine Geschichte verfügen – es widerspricht sich, übertreibt, zieht sich zurück und setzt neu an.

Die formale Unruhe ist dabei keine Attitüde. Sie zeigt, wie schwer sich Begehren, literarischer Anspruch, öffentliche Vorstellungen von Weiblichkeit und die ganz privaten Erwartungen voneinander trennen lassen. Schwarzer Humor verhindert, dass der Roman in programmatischen Ernst kippt. Anti Müller ist sperrig, verletzlich und sehr bewusst gegen die glatte Selbsterzählung geschrieben.

  • Mutterschaft & Kunst
  • Radikale Ich-Stimme
  • Experimentell
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Lilli Tollkien mit dem Roman Mit beiden Händen den Himmel stützen – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Lilli Tollkien

Mit beiden Händen den Himmel stützen

Lale wächst in einer Berliner Männerkommune der achtziger Jahre auf. Die Erwachsenen feiern Freiheit, planen Revolutionen und erklären Regeln für überholt; das Kind erlebt dieselbe Grenzenlosigkeit als Mangel an Schutz und Verlässlichkeit. Zwischen politischem Ideal und privater Verantwortung öffnet sich ein Raum, in dem Lale früh für sich selbst sorgen muss.

Lilli Tollkien erzählt diese Kindheit in Erinnerungssplittern, die Nähe zulassen, ohne ihre Figur auszustellen. Der spätere Halt im Erzählen ist deshalb mehr als ein literarisches Motiv: Aus der Sprache entsteht die Möglichkeit, die eigene Geschichte nicht länger nur von den Begriffen der Erwachsenen bestimmen zu lassen. Ein intensives Debüt über Vernachlässigung, Frauenfreundschaft und Selbstermächtigung.

  • Westberlin der 1980er
  • Kindheit & Grenzen
  • Poetisch verdichtet
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Leh-Wei Liao mit dem Roman Glaszeit – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Leh-Wei Liao

Glaszeit

Novana arbeitet als Ärztin in Taipeh, als sie auf einem Plakat zum 8. März das Gesicht ihrer Mutter entdeckt – jener Frau, die die Familie vor Jahren verlassen hat. Im Alltag der Neugeborenenstation und in der Begegnung mit der Aktivistin Sihan geraten Vorstellungen von Fürsorge, Herkunft und einem vermeintlich geradlinigen Leben in Bewegung.

Leh-Wei Liao schreibt klar und knapp, ohne die emotionalen Verwicklungen zu vereinfachen. Das Private öffnet sich auf gesellschaftliche Fragen nach queerer Liebe, Familie und politischer Selbstbestimmung in Taiwan. Der Titel trifft den Ton: Glaszeit erzählt von einer Gegenwart, die transparent und zerbrechlich zugleich wirkt – und in der ein neuer Blick auf die Mutter auch den Blick auf das eigene Leben verändert.

  • Taiwan
  • Queere Liebe & Familie
  • Klar erzählt
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Franziska Gänsler mit dem Roman Orca – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Franziska Gänsler

Orca

Als Olympia nach einer radikalen Klimaaktion festgenommen wird, versucht ihre frühere Freundin Cora zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Doch Cora erzählt nie aus neutraler Entfernung. Gemeinsame Vergangenheit, soziale Unterschiede, Bewunderung und Kränkung verschieben fortwährend den Blick auf die abwesende Olympia.

Franziska Gänsler macht aus diesem Gefälle einen psychologisch genauen Roman über Freundschaft und politische Haltung. Digitale Inszenierung und öffentliche Urteile stehen neben sehr privaten Motiven; eindeutige moralische Rollen werden dadurch zunehmend fragwürdig. Orca fragt nicht, ob Engagement echt oder falsch ist. Der Roman interessiert sich dafür, wer es sich leisten kann, Konsequenzen zu tragen – und wer die Geschichte darüber erzählt.

  • Klimaaktivismus
  • Unzuverlässige Perspektive
  • Freundschaft & Klasse
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Leseweg 04

Wenn Sprache die Wirklichkeit umbaut

Fünf Romane, die ihre Themen nicht nur erzählen, sondern in Bauweise, Rhythmus und Perspektive sichtbar machen.

Valeria Gordeev mit dem Roman Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Valeria Gordeev

Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle

Konstantin arbeitet tief unter Moskau in einem Institut, dessen Forschung um Lenins konservierten Körper kreist. Seine Schwester Lada schlägt sich als Filmemacherin durch ein Berliner Mietshaus; zwischen ihnen steht seit Kriegsbeginn eine immer schwerer zu überbrückende Distanz. Ein oligarchischer Patenonkel mit Ideen zur Lebensverlängerung zieht beide in dieselbe groteske Versuchsanordnung.

Valeria Gordeev baut daraus eine überbordende Wunderkammer. Nachrichten, Protokolle, Fernsehbilder und historische Splitter treiben lange, genau komponierte Sätze durch Erinnerung und Gegenwart. Die Abschweifung ist das Prinzip dieses Romans: Sie zeigt, wie Propaganda, Wissenschaft, Glaube und Kapital am menschlichen Wunsch nach Dauer arbeiten. Wer sich darauf einlässt, erlebt kontrollierte Unordnung mit politischem Sog.

  • Groteske
  • Lange Satzbögen
  • Politische Wunderkammer
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Ingo Schulze mit dem Roman Das Wasser im August – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Ingo Schulze

Das Wasser im August

Ein Schriftsteller fährt nach Mecklenburg, um bei einem Geburtstag aus einer unvollendeten Novelle zu lesen. Darin verbringt der sechzehnjährige Thomas den Sommer 1979 bei den Künstlern Emmy und Paul. Gegenwart, Erinnerung und erfundene Geschichte beginnen einander zu spiegeln, ohne dass der Roman ihre Grenzen demonstrativ auflöst.

Ingo Schulze erzählt mit ruhigem Rhythmus und großer Aufmerksamkeit für Gespräche, Gesten und die Hoffnungen, die Kunst in einem begrenzten politischen Raum eröffnen kann. Die verschachtelte Form ist nie Selbstzweck: Das Fragmentarische macht spürbar, wie Erzählungen entstehen, weitergetragen und verändert werden. Ein leiser Roman, der seiner eigenen Unabgeschlossenheit vertraut.

  • Sommer 1979
  • Geschichte in der Geschichte
  • Ruhiges Tempo
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Heinz Strunk mit dem Roman Memories of Heidelberg – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Heinz Strunk

Memories of Heidelberg

Isolde und Bertram reisen nach Heidelberg, doch aus dem geplanten Anlass wird kein versöhnlicher Rückblick. Ein leer wirkendes Hotel, ein Restaurantschiff und die Risse einer langen Ehe bilden eine Welt, in der touristische Kulisse und körperlicher Verfall zunehmend dieselbe Sprache sprechen.

Heinz Strunk bleibt nah an Bertrams Wahrnehmung und findet für ihre Enge eine grotesk präzise Form. Listen, Wortschöpfungen und musikalische Wiederholungen legen die Komik frei, ohne Alter und Einsamkeit zu verharmlosen. Der Roman kann sehr dunkel sein; gerade deshalb treffen seine kleinen Momente von Zuneigung umso genauer. Heidelberg wird nicht zum Erinnerungsort schöner Zeiten, sondern zur Bühne eines schonungslosen Gegenwartsbesuchs.

  • Alter & Ehe
  • Dunkle Komik
  • Sprachlich eigenwillig
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Elias Hirschl mit dem Roman Schleifen – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Elias Hirschl

Schleifen

Franziska Denk entwickelt Symptome, sobald sie von einer Krankheit hört. Der mathematisch außergewöhnlich begabte Otto Mandl sucht derweil nach einer Sprache, die nicht nur beschreibt, sondern gegen Ansteckung und Missverständnis immun sein soll. Von diesem Gedanken aus führt Elias Hirschl durch Wissenschaft, Sprachphilosophie und die Sehnsucht nach einem vollkommenen System.

Der Roman denkt in Wiederholungen, Abzweigungen und überraschenden Verbindungen. Seine Komik entsteht aus intellektueller Genauigkeit ebenso wie aus dem Moment, in dem jedes Ordnungssystem seine eigene Absurdität produziert. Schleifen ist keine lineare Geschichte mit gelegentlichen Ideen, sondern ein Ideenroman, dessen Bauform selbst zum Gegenstand wird – anspruchsvoll, verspielt und bewusst überbordend.

  • Sprache & Mathematik
  • Ideenroman
  • Verspielt-komplex
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Giuliano Musio mit dem Roman Aus anderem Holz – Longlist Deutscher Buchpreis 2026
Giuliano Musio

Aus anderem Holz

Als ein Friedhof ins Meer rutscht, gerät mit einer verschwundenen Urne auch eine Familiengewissheit ins Wanken. Im Zentrum steht Pinò, ein Ersatzsohn, der nicht durchgehend den Regeln des Realistischen gehorcht. Giuliano Musio nimmt Motive der Pinocchio-Geschichte auf, verschiebt sie aber in eine melancholische Erzählung über Verlust, Herkunft und den Wunsch, ein „richtiger“ Mensch zu sein.

Das Unwahrscheinliche tritt mit großer Selbstverständlichkeit in den Alltag. Gerade dadurch gewinnt der schmale Roman seine eigenartige Wärme: Er erklärt sein Rätsel nicht aus, sondern lässt Trauer, Komik und existenzielle Fremdheit nebeneinanderstehen. Aus anderem Holz eignet sich für Leserinnen und Leser, die einer Fabel mehr zutrauen als eine eindeutige Moral.

  • Moderne Fabel
  • Melancholisch
  • Leise fantastisch
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Fortlaufend aktualisiert

Shortlist und Gewinner: die nächsten Schritte

Am 8. September wählt die Jury sechs Romane aus der Longlist. Welcher davon als Roman des Jahres ausgezeichnet wird, erfahren die Autorinnen und Autoren erst bei der Preisverleihung am 5. Oktober 2026 im Frankfurter Römer. Wir ergänzen an beiden Terminen die Auswahl, unsere Einordnung und die direkten Buchwege an dieser Stelle.

Shortlist 2026

Noch nicht veröffentlicht. Redaktionelles Update am 8. September 2026.

Ausgezeichneter Roman 2026

Bekanntgabe bei der Preisverleihung am 5. Oktober 2026.

Alle nominierten Bücher entdecken
Das Archiv wächst weiter

Frühere Gewinner im Überblick

Ein Preisjahr endet, die ausgezeichneten Romane bleiben. Diese vier Bücher zeigen, wie weit das Spektrum des Deutschen Buchpreises reicht – vom formoffenen Expeditionsroman bis zur präzisen Schul- und Gesellschaftsstudie.

Gewinner 2025 · Dorothee Elmiger

Die Holländerinnen

Eine Theatergruppe folgt den Spuren zweier verschwundener Frauen in den Regenwald. Aus Berichten, Erinnerungen und beunruhigenden Bildern entsteht ein vielstimmiger Roman über Gewalt, Beobachtung und die Grenzen des Erzählens.

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Gewinnerin 2024 · Martina Hefter

Hey guten Morgen, wie geht es dir?

Juno pflegt ihren erkrankten Mann Jupiter und begegnet nachts im Netz sogenannten Love-Scammern. Martina Hefter verbindet Fürsorge, Begehren und digitale Rollen mit großer Leichtigkeit und formaler Freiheit.

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Gewinner 2023 · Tonio Schachinger

Echtzeitalter

Zwischen Wiener Eliteinternat und der Welt von Age of Empires II sucht Till Kokorda nach einem eigenen Maß für Leistung und Freiheit. Ein präziser, komischer Roman über Regeln, Klasse und institutionelle Gewalt.

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Auszeichnung 2022 · Kim de l’Horizon

Blutbuch

Eine nichtbinäre Erzählstimme sucht in Körper, Familiengeschichte und der Beziehung zur Großmeer nach einer Sprache für Herkunft. Blutbuch verbindet intime Recherche mit radikaler formaler Offenheit.

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Redaktion, Stand und Quellen

Dieser Beitrag wurde von der CineBuch-Redaktion als fortlaufender Leseweg angelegt. Die Einordnungen beruhen auf vollständigen Lektüren unserer Produktredaktion sowie – bei noch nicht vollständig vorliegenden Titeln – auf Leseproben, Verlagsmaterial und unabhängiger Literaturkritik. Maßgeblich für Nominierungen und Termine sind die offiziellen Bekanntmachungen des Deutschen Buchpreises.

Offizieller Auswahlprozess · CineBuch-Sammlung zum Deutschen Buchpreis

Zuletzt redaktionell geprüft: . Nächstes geplantes Update: 8. September 2026.

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