Was wurde eigentlich aus Bibi Blocksbergs Bruder Boris? Wieso steckten sich im vorletzten Jahrhundert junge Frauen in der Dunkelheit gerne spitze Nadeln in den Mund? Was hindert so manchen daran, ein großer Liebhaber zu sein? Und von welchem Lebewesen ist im Folgenden die Rede?
Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.
Antwort auf diese und viele weitere Fragen gibt Clemens J. Setz in seinem Gedichtbuch ›Die Vogelstraußtrompete‹. Genauso wie für seine Romane und Erzählungen gilt auch für seine mal unheimlichen, mal abgründig-zärtlichen Verse: »Man kommt nicht heil davon weg. Es herrscht Suchtgefahr.« Andreas Platthaus, FAZ
Produktdetails
Erscheinungsdatum: 12.03.2014
Autor/Autorin: Clemens J. Setz
Einband: Hardcover
Auflage: 2
Verlag: Suhrkamp
Sprache: Deutsch
Größe (L/B/H): 205/125/12 mm
Seitenanzahl: 88
ISBN: 9783518424162
Pressestimmen
»Lakonisch, mit einem ironischen, humorvollen Unterton bringt Setz prosaische Stoffe und lyrische Formen, das Gewöhnliche und das Außerordentliche, das Vorder- und das hintergründig zueinander in Beziehung.«
sms, Neue Zürcher Zeitung, 16. September 2014
»Setz ... schreibt in eleganten, prosanahen Versen, meist ohne Reim und Metrum, doch verwirrend genau.«
Michael Buselmeier, DIE ZEIT, 10. Juli 2014
»Die verdichtete und von ihren Aussparungen lebende lyrische Prosa fließt mühelos, elegant, oft ein wenig ironiegetränkz über die meist deutlich gesetzten Zeilenbrüche hinweg. Es ist reizvoll, diesen erzählenden Dichterr bei seinem souveränen Umgang mit der Stofflichkeit von Geschichten zu beobachten. Jede neue Zeile dient dem Deichbau zur Regulierung anflutender authentischer Stoffmassen.«
Herbert Wiesner, DIE WELT, 17. Mai 2014
»... beim Lesen dieser Gedichte wird eine große Eindringlichkeit spürbar, ein neuer, schräger Blick auf das Leben und das Sein, mitunter ein Verrücken der Perspektive, das zu anderen Sichtweisen führt. Diese Lyrik ist anregend und fordert zur näheren Beschäftigung auf.«
Maria Renhardt, Die Furche, 15. Mai 2014
»Ihr [Die Vogelstraußtrompete] prosaischer Klang öffnet das Tor zu einer Wunderkammer voller kurioser Fundstücke aus alten Zeitungen, noch älteren Büchern, dem Internet oder den Träumen des Autors. Setz ist ein begabter Sammler und seine Form das Objet trouvé.«
Insa Wilke, Süddeutsche Zeitung, 26. März 2014
»Ein kurzweiliger Band voller Merkwürdigkeiten, der auf weitere Funde hoffen lässt.«
Anfang des 20. Jahrhunderts will der »Pionier der Tierpsychologie«, Karl Krall, Pferde zu »sprechenden, denkenden Mitmenschen« erziehen, indem er ihnen Klopfzeichen beibringt. Knapp 50 Jahre später gründet ein Mann einen neuen Staat, der aus »dem gesamten Universum minus der Erde« besteht. Ein weiteres halbes Jahrhundert später versammeln TikToker Millionen von Follower, indem sie blutrünstige Videos nacherzählen, damit andere sie sich nicht ansehen müssen, während Virtual-Reality-Arenen in Japan echten Todesmut und ganz reale Schweißausbrüche fördern. Allen in diesem Band versammelten Texten ist die so bezaubernde wie abgründige Poesie gemeinsam, die Clemens J. Setz in den Tiefen des Weltalls oder auch nur hinter der nächsten Straßenecke entdeckt. Mit unerschöpflicher Neugier und einzigartigem Sinn für vermeintlich Abseitiges und Abgelegenes konfrontiert er uns in seinen Essays mit einer Fülle an Nischenwissen – und verhilft uns so zu einem frischen und oft genug befreienden Blick auf die uns umgebende Welt.
Pauls Sprache ist Noise: monströs dahertosende Tracks, auf denen er mit verzerrter Stimme seine Verzweiflung hinausschreit. Abseits der Bühne herrscht Leere, niemand scheint ihn und seine Lyrics zu verstehen, sein Leben verbringt er weitgehend allein. Bis auf Mark, der Teil der Band ist, sich aber mehr und mehr zurückzieht – und bis Paul nach einem Konzert Annika kennenlernt. Sie teilt seine Faszination für Noisebands wie Hanatarash oder Atrax Morgue, und Paul verliebt sich übergangslos in sie. Als sie ein Kind bekommen, lässt sein Druck nach, alles in mörderisch lauter Musik auszudrücken. Doch was bleibt jetzt noch von seiner Kunst? Und wieso ist Mark endgültig abgetaucht
Einzelgänger, Außenseiter, im Stillen Leidende – in Mein Leben als Noiseband versammelt Clemens J. Setz Erzählungen über Figuren am Rand der Gesellschaft. Mit so präzisen wie poetischen Alltagsbeobachtungen führen sie uns durch verschobene Realitäten, in denen das Vertraute, dass Groteske und das Obsessive umeinander kreisen. Gewalt und Einsamkeit stehen neben Momenten unkonventioneller Zärtlichkeit sowie der Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit.
Was ist nur mit dem Mopsfisch los? Grade noch lila, ist er jetzt rot und bald schon ein Luftballonpilot? Ungeduldig und neugierig zieht er gleich weiter: Ob man in diese Efeuwand gelangen kann? Aber ja: »Mopsfisch kletter./Mopsfisch rauf./Mopsfisch nimmt Gefahr in Kauf!« Und als ein zweiter Mopsfisch auftaucht, ist er auch nicht mehr allein: »Mopsfisch Mopsfisch Nummer zwei. / Mopsfisch Mopsfisch Plauderei!« Clemens J. Setz verfasste die wunderbaren gereimten Dreizeiler für seine kleine Tochter, Stefanie Jeschke hat mit ihren farbigen Bildern ein wunderschönes Buch daraus gemacht.
Jedes Kind kennt die Geschichten des berühmtesten aller Narren, der Eulen und Meerkatzen bäckt, einem Esel das Lesen beibringt und den Grafen von Anhalt für dumm verkauft. Sprichwörtlich sind seine Eulenspiegeleien, das penetrante Wörtlichnehmen und absichtliche Missverstehen, mit denen er sich Herren und Meister vom Leib hält. Doch nicht nur die Mächtigen werden Opfer seiner derben Späße, sondern auch arme Bauern und Handwerker, Tiere und Kinder. In Clemens J. Setz’ Nacherzählungen ausgewählter Historien aus dem beliebten Volksbuch stiftet Till Eulenspiegel, »diese vielleicht freieste Figur der deutschen Literatur«, nichts als Unruhe und Chaos in den Dörfern und Häusern der braven, anständigen Menschen, zum diebischen Vergnügen des Lesers, herrlich hintergründig illustriert von Philip Waechter.
»Hatte jemals irgendein einzelner Mensch eine größere zerstörerische Wirkung auf die deutschsprachige Lyrik als Elon Musk? Ich glaube nicht.«
Mehrfach kündigte Clemens J. Setz an, nie wieder Gedichte in Buchform zu veröffentlichen – um es in vorliegendem Band doch zu tun. Es handelt sich um Poesie der besonderen Art, denn sie ist ursprünglich in einem Medium entstanden, das es nicht mehr gibt: Der legendäre Mikroblogging-Dienst Twitter ist Geschichte, seit er von Elon Musk übernommen wurde. Er heißt jetzt bekanntlich X und funktioniert ganz anders. Das kreativitätsfördernde Zeichenlimit wurde entfernt, aber vor allem: Längere Zeit inaktive Accounts werden für immer und unwiederbringlich gelöscht – und mit ihnen die vielen poetischen Wunderkerzen, die dort funkeln.
Das All im eignen Fell ist ein Erinnerungsbuch im doppelten Sinn. Es versammelt in einem ersten Teil eine Auswahl von Setz' eigenen, inzwischen gelöschten Twitter-Gedichten. Und erzählt im zweiten die kurze, aber umso blütenreichere Geschichte einer Gattung, die Schritt für Schritt aus unserer Wirklichkeit entfernt wird.
Worms, Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Peter Bender, ehemals Fliegerleutnant des Deutschen Heeres, macht sich als Gründer einer neuen Religionsgemeinschaft und mit der Proklamation der sogenannten Hohlwelt-Theorie einen Namen: Die Menschheit lebe nicht auf, sondern in einer Kugel, außerhalb derselben existiere nichts. Benders Gemeinde bleibt überschaubar, dennoch wird er wegen der Verbreitung aufwieglerischer und gotteslästerlicher Flugschriften zu einer mehrmonatigen Kerkerhaft verurteilt. Als sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten herumspricht, dass seine Frau Jüdin ist, wenden sich selbst seine engsten Gefolgsleute von ihm ab. Die Benders verarmen, die Repressionen besonders gegen seine Frau werden bald unerträglich.
Bestürzend aktuell, von unüberbietbarer sprachlicher und gedanklicher Originalität: Dieser Roman erzählt von Querdenkertum und alternativen Wahrheiten und rekonstruiert eine so bewegende wie verstörende Lebensgeschichte.
Beunruhigend weit liegen die Lebensentwürfe auseinander, Übergänge und Zwischentöne drohen in der öffentlichen Debatte zu verschwinden. David ist tot, das veröffentlichen der Influencer Tim und einige Journalist:innen, doch aus Sicht der Eltern leidet der Junge seit seinem Verkehrsunfall an einer Art von Demenz. Renate und Konrad suchen eine Schule für ihren Sohn, der als Tablet in einem Rollstuhl erscheint. Der Bildschirm gibt Davids Gedanken wieder – eingetippt von den Eltern, die behaupten: »Wir waren ja jeden Tag mit ihm zusammen und wissen doch ganz gut, wie er denkt.« Renate und Konrad verweigern sich einer Trauerarbeit, die sie zwänge, den eigenen Sohn sterben zu lassen. »Verschonten« und Kinderlosen, die wie Tim in seinem Video auf Davids Grab hinweisen, begegnen sie mit Kampfgeist und werfen ihnen Gedankenmord vor. In Interviews, Internetvideos und Tonaufnahmen eröffnet Clemens J. Setz ein bizarres Wortgefecht. Wer hat die Kontrolle über die Grenze von Leben und Tod? Abseits der irrwitzigen Debatte begleitet der Autor mit erstaunlichem Realismus die Eltern und ihren Sohn in die Abgründe der Gefühle und Sprachlosigkeit.
Warum denken sich Menschen Kunstsprachen wie Esperanto, Volapük oder Blissymbolics aus? Clemens J. Setz erzählt anekdotenreich vom Antrieb und der Besessenheit ihrer Erfinder, getreu dem Motto: »Erzähl die beste Geschichte, die du kennst, so wahr wie möglich.«
Und diese Geschichte handelt unter anderem von Charles Bliss und seiner Symbolsprache, von Kindern mit Behinderung, die sich mit Blissymbolics zum ersten Mal ausdrücken können. Davon, wie Clemens J. Setz einen Sommer lang Volapük lernt und selbst eine eigene Sprache entwickelt. Es geht um die vermutlich einzige Volapük-Muttersprachlerin, die je gelebt hat, und um die Plansprache Talossa für die gleichnamige Mikronation, die ein Teenager 1979 in seinem Schlafzimmer ausrief. Um Klingonisch und High Valyrian, eine Sprache, die für die Fernsehserie Game of Thrones geschaffen wurde. Und um Esperanto, die größte Erfolgsgeschichte in der Welt der Plansprachen. Stets ist es die eigenartige Vermengung von tiefer existenzieller Krise und Sprachenerfindung, die Setz aufspürt und die ihn in ihren Bann schlägt – und so ist dieses Buch auch die persönliche Geschichte des Sprachkünstlers Clemens J. Setz.
Clemens J. Setz erzählt über das Absurde und Groteske des menschlichen Zusammenlebens. Das ganz und gar Unerwartete bricht in das Leben seiner Figuren ein. Ihr Schöpfer erzählt davon einfühlsam, fast zärtlich. Durch Falltüren gestattet er uns Blicke auf rätselhafte Erscheinungen und in geheimnisvolle Abgründe des Alltags, man stößt auf Wiedergänger und auf Sätze, die einen mit der Zunge schnalzen lassen. Der Trost runder Dinge ist ein Buch voller Irrlichter und doppelter Böden – radikal erzählt und aufregend bis ins Detail.
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein bekannter Schriftsteller und werden um ein ausführliches Interview gebeten. Sie sollen Auskunft geben über Ihre Interessen und intellektuellen Vorlieben, über die Voraussetzungen und Hintergründe, über Motive und Themen Ihres umfangreichen Werks. Stellen Sie sich vor, Ihnen fällt nichts ein, gar nichts, so sehr Sie sich auch bemühen. Dann muss eben jemand anderer über Sie erzählen. Aber wer sollte das sein? Wer weiß gut genug über Sie und ihre Bücher Bescheid? Im Fall des Schriftstellers Clemens J. Setz fand sich eine Alternative. Aber keine natürliche Person steht hier Rede und Antwort, sondern eine Art künstliche Intelligenz, sein Millionen von Zeichen umfassendes elektronisches Tagebuch – die ausgelagerte Seele des Autors, kurz gesagt: ein Clemens-Setz-Bot. Und was der Befragte selbst im mündlichen Gespräch nicht zu verbalisieren mochte, gibt das Werk allein, völlig losgelöst von seinem Autor, in verblüffender Offenheit preis.