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Meyerhoffs Kinderbuch: Was feststeht und was aus dem Hesterberg wurde

»Josse. Was ist schon normal?« von Joachim Meyerhoff und Franziska Dorau neben einem Landseer-Hund im gestreiften Schlafanzug auf der Treppe einer alten Villa, Fantasieszene

Ein Junge wohnt mitten auf dem Gelände einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und findet das ganz normal. Davon erzählt »Josse«, das erste Kinderbuch von Joachim Meyerhoff; es erscheint am 29. Oktober 2026 bei Carlsen. Josse ist Meyerhoff als kleiner Junge, und seine Leser kennen den Ort seit 2013 aus dem Roman »Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war«: den Hesterberg in Schleswig. Wir haben die Leseprobe gelesen und nachgesehen, wie viel vom Roman im Kinderbuch steckt und was aus dem Hesterberg geworden ist.

Ausgewertet haben wir die Leseprobe des Verlags mit einem Auszug aus dem ersten Kapitel, dem Inhaltsverzeichnis und der Hesterberg-Karte, dazu Interviews, Porträts und Kritiken aus den Jahren 2013 bis 2025 und Quellen zur Geschichte der Klinik.

Josse. Was ist schon normal? von Joachim Meyerhoff und Franziska Sophie Dorau mit Bildern von Melanie Garanin, gebundene Ausgabe bei Carlsen
Erscheint am 29. Oktober 2026

»Josse. Was ist schon normal?« hat 208 Seiten mit farbigen Bildern von Melanie Garanin und ist ab 8 Jahren empfohlen. Zum selben Termin kündigt Carlsen ein E-Book an. Vorlage ist Meyerhoffs Roman »Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war«, der zweite Teil seines Romanzyklus »Alle Toten fliegen hoch«.

Worum geht es in »Josse«?

Josse ist der jüngste von drei Brüdern. Er lebt mit Mama, Papa, Hermann, Martin und der Landseer-Hündin Aika auf dem Hesterberg, wo sein Vater als Psychiater arbeitet. Beim Lesen tanzen ihm die Buchstaben, und wenn er sich unverstanden fühlt, wird er wütend. Für ihn gehören die Patientinnen und Patienten seines Vaters selbstverständlich dazu.

Das erste Kapitel beginnt wie ein alter Abenteuerroman mit einer kurzen Vorschau: »in dem Josse sich selbst, seine Familie und sein ungewöhnliches Zuhause vorstellt«. Dann spricht Josse: »Ich bin Josse. Eigentlich heiße ich Joachim, aber den Namen finde ich seltsam verstaubt.« Mit vollem Namen heißt er Joachim Philipp Maria, und das findet er »Wahnsinn«. Später folgen Kapitel wie »Marzipankartoffeln« und »Die Reh-Dachs-Karte«.

Am ersten Schultag stellt er sich als Josse vom Hesterberg vor. Etwas zu laut ruft die Lehrerin: »Auf dem Hesterberg? Aber da ist doch die Anstalt! Ich meine, da wohnen doch nur … Patienten …« Josse antwortet: »Ja, genau, ungefähr tausendfünfhundert. Und ich mit meiner Familie!«

Gibt es den Hesterberg noch?

Ja. Auf dem Hesterberg in Schleswig behandelt die Helios Fachklinik weiterhin Kinder und Jugendliche. Ein Teil von Josses Welt verschwindet aber: Den östlichen Teil des Geländes nutzt die Klinik nicht mehr, das frühere Hauptgebäude ist abgerissen, und geplant sind rund 200 Wohnungen (Architektencontor Kiel). In zwei denkmalgeschützten Klinikgebäuden aus den 1920er-Jahren entstehen je 19 Wohnungen; das erste Haus wurde laut Bauträger im Januar 2026 fertig.

Neu gebaut hat die Klinik ebenfalls: 2019 berichtete die Fachzeitung Eppendorfer über ein neues Bettenhaus mit wohngruppenähnlichen Fluren und je zwölf Betten. Insgesamt hatten Land und Helios 14,7 Millionen Euro in den historischen Standort gesteckt.

Meyerhoff kam mit drei Jahren nach Schleswig, als sein Vater Direktor der Klinik wurde. Gewohnt hat die Familie, so Meyerhoff 2014, »in einer alten Villa im Zentrum des Geländes, um uns herum ringförmig die Anstaltsgebäude«. Genau so zeichnet Melanie Garanin den Hesterberg im Buch: Haus A bis Haus N rund um einen Park, mittendrin »Die Direktorenvilla«, am Tor das Pförtnerhaus, davor die Mauer.

Die Geschichte der Klinik

Seit 1852 gibt es die Klinik; sie begann mit elf Kindern (AKENS) und liegt seit 1872 am Hesterberg. Zu ihrer Geschichte gehört die NS-Zeit: Es gab dort eine sogenannte Kinderfachabteilung, eine Station der NS-»Kindereuthanasie«. Auf dem Hesterberg und in Schleswig-Stadtfeld starben zwischen 1939 und 1945 nachweislich 216 Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre (Dokumentation der University of Vermont).

Im Februar 2022 erschien der Abschlussbericht einer Studie der Universitäten Lübeck und Kiel über Leid und Unrecht, das Kinder und Jugendliche von 1949 bis 1990 in Psychiatrien und Behindertenheimen in Schleswig-Holstein erfuhren; der Hesterberg war eine von drei Einrichtungen im Mittelpunkt. Der frühere Patient Günter Wulf, von 1968 bis 1974 dort untergebracht, hat beschrieben, wie er misshandelt wurde (Psychosoziale Umschau, 2019). 1971 übernahm Hermann Meyerhoff, Joachims Vater, die Leitung. Als der neue Direktor Wulfs verletzten Rücken sah, diktierte er nach Wulfs Erinnerung sofort ein Rundschreiben an alle Stationen, das Misshandlungen »auf das Schärfste« verurteilte. Nach Wulfs Darstellung holte Meyerhoff Psychologen und Psychotherapeuten in die Klinik; danach gab es Werk-, Musik- und Maltherapie.

Wie viel vom Roman steckt in »Josse«?

Meyerhoff-Leser kennen den Namen: Im Roman von 2013 heißt der Erzähler ebenfalls Josse, und laut Carlsen wurde Meyerhoff als Kind wirklich so genannt, gelegentlich sogar immer noch. Schon 2013 beschrieb nachtkritik.de, wie »der kleine Josse vom Hesterberg durch den Anstaltspark« reitet: auf den Schultern des Glöckners, eines riesigen Patienten mit schweren Glocken.

Das Cover von »Josse« zeigt einen großen bärtigen Mann im grünen Mantel, der zwei Handglocken schwingt und den Jungen auf den Schultern trägt. Das neunte Kapitel heißt »Der Glöckner«. Im Roman besucht außerdem Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg die Klinik; im Kinderbuch trägt ein Kapitel den Titel »Der Ministerbesuch«.

Auch Josses zweiter Spitzname stammt aus Meyerhoffs Kindheit: Laut einem Porträt des Schweizer Radios und Fernsehens von 2025 zogen ihn seine Brüder gern mit »blonde Bombe« auf. Im Kinderbuch rufen Hermann und Martin genau das, wenn Josse wütend wird: »Alle Mann in Deckung! Die blonde Bombe explodiert.«

Warum tanzen bei Josse die Buchstaben?

Weil sie es bei Meyerhoff auch taten. »Ich habe so mit den Worten gehadert; vielleicht auch, weil ich Legastheniker bin«, sagte er 2018 beim Montagsforum im Dornbirner Kulturhaus, wie die österreichische Zeitschrift KULTUR berichtete. So erklärte er, warum er sich erst mit vierzig traute, etwas zu veröffentlichen. Dem SRF erzählte er 2025 von einem Text, den er mit sieben Jahren geschrieben hatte: Darin gebe es rund 15 Varianten des Wortes »Aquarium«.

In einem Interview mit Psychologie Heute sprach er 2014 über »diese unkontrollierbaren Zornesausbrüche, diese Schulprobleme, diese Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren«. Am 30. September 2026 ist Tag der Legasthenie und Dyskalkulie; die Deutsche Kinderhilfe und der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie richten ihn seit zehn Jahren aus.

Wer hat »Josse« mit Meyerhoff geschrieben?

Auf dem Cover steht neben Meyerhoff der Name Franziska Dorau, im Buch Franziska Sophie Dorau. Geboren 1979 in Wien, arbeitete sie lange als Radiojournalistin und Radioregisseurin, vor allem für Ö1, und bekam unter anderem den Prix Europa. Laut Carlsen haben Meyerhoff und Dorau einen gemeinsamen Sohn; zu dritt haben sie Geschichten aus dem Roman für Kinder neu geschrieben. Gewidmet ist das Buch dem Sohn.

Gezeichnet hat Melanie Garanin, Jahrgang 1972, die in Potsdam-Babelsberg Zeichentrickfilm studiert hat. Ihre erste Graphic Novel »NILS« (2020) erzählt vom Tod ihres jüngsten Sohnes; außerdem illustrierte sie Andreas Steinhöfels »Völlig meschugge?!«.

Warum wurde der Film nicht auf dem Hesterberg gedreht?

Die Gebäude in Schleswig waren der Regisseurin Sonja Heiss »zu unterschiedlich und zerstückelt«, berichtet die Filmförderung MOIN. Gedreht wurde deshalb auf einem echten Klinikgelände in Nordrhein-Westfalen: Viele Szenen entstanden in der Psychiatrie des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Düsseldorf-Kaiserswerth. Für die Patientenrollen wurden Darstellerinnen und Darsteller besetzt, die selbst mit Beeinträchtigungen leben.

Premiere war am 17. Februar 2023 auf der Berlinale, mit Laura Tonke und Devid Striesow als Eltern. Im Film heißen die Brüder Patrick und Philipp und der Vater Richard; den Glöckner spielt Andreas Merker. Am 29. Januar 2026 kam Simon Verhoevens Verfilmung des dritten Teils in die Kinos, »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«, mit Senta Berger als Großmutter.

In welcher Reihenfolge erzählt Meyerhoff sein Leben?

»Alle Toten fliegen hoch« umfasst sechs Romane bei Kiepenheuer & Witsch, nach Verlagsangaben bis Herbst 2024 mehr als 2,8 Millionen Mal verkauft. Teil 5 stieg 2020 mit einer Startauflage von 150.000 Exemplaren direkt auf Platz 1 der Belletristik-Bestseller im Hardcover ein (Börsenblatt). Meyerhoffs fast 13 Stunden lange Livelesung von Teil 6 wurde zum hr2-Hörbuch des Jahres 2026 gekürt (Börsenblatt, 24. September 2026).

»Alle Toten fliegen hoch« in der Reihenfolge der Teile mit dem Jahr der Erstausgabe, dazu das Kinderbuch
Teil und Titel erzählt von Jahr
1: Alle Toten fliegen hoch: Amerika (bei uns nicht erhältlich) Austausch­jahr mit 18 in Wyoming 2011
2: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war Kindheit auf dem Hesterberg 2013
3: Ach, diese Lücke, diese entsetz­liche Lücke Schauspiel­schule, bei den Groß­eltern in München 2015
4: Die Zweisamkeit der Einzel­gänger (bei uns nicht erhältlich) erste Engage­ments in Bielefeld und Dortmund 2017
5: Hamster im hinteren Strom­gebiet Schlag­anfall in Wien 2020
6: Man kann auch in die Höhe fallen Wochen bei der Mutter auf dem Land 2024
Kinder­buch: Josse Kindheit auf dem Hesterberg, erzählt für Kinder ab 8 2026

Wann stellt Meyerhoff »Josse« vor?

Die Buchpremiere ist am 31. Oktober 2026 um 11 Uhr im St. Pauli Theater in Hamburg, beim Pre-Opening des Harbour Front Literaturfestivals. Moderiert wird sie von Martin Tietjen, und Melanie Garanin zeichnet dabei live. Am 7. November 2026 um 14 Uhr folgt laut Carlsen eine Berliner Kinderbuchpremiere im Colosseum.

Am 16. September 2026 meldete die Welt, dass Meyerhoff die Proben zu »König Ubu« am Wiener Burgtheater aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen hat. Beide Buchpremieren stehen weiter im Programm (Stand: 26. September 2026).

Selbst lesen oder vorlesen?

Gebunden misst das Buch 15,8 × 21,5 Zentimeter. Die zwölf Kapitel sind meist zwölf bis zwanzig Seiten lang; damit eignet es sich für Kinder, die schon allein lesen, und zum Vorlesen über mehrere Abende. Für Erwachsene haben wir in der Tabelle die Ausgaben von Teil 2 und Teil 6 ergänzt.

»Josse« und ausgewählte Ausgaben der Romane; das E-Book von »Josse« laut Carlsen
Titel Ausgabe Termin Preis
Josse gebunden, 208 S., farbig illustriert 29.10.2026 16,00 €
Josse E-Book, bei uns nicht erhält­lich 29.10.2026 11,99 €
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war Taschen­buch, 352 S. 8.1.2015 14,00 €
Man kann auch in die Höhe fallen gebunden, 368 S. 7.11.2024 26,00 €
Man kann auch in die Höhe fallen Taschen­buch 12.3.2026 14,00 €
Man kann auch in die Höhe fallen E-Book 7.11.2024 10,99 €

Unsere Empfehlung

»Josse« ist ein Buch für Kinder, die sich manchmal nicht normal vorkommen: weil die Buchstaben nicht stillhalten, weil die Wut schneller ist als sie oder weil ihre Familie anders lebt als die der anderen. Schon der Anfang des ersten Kapitels ist ganz aus Josses Sicht erzählt und voller Situationskomik, vom Hund im Schlafanzug bis zum Vater, der beim Streit der Brüder seelenruhig weiter Nierchen mit Reis isst. Soweit Leseprobe und Inhaltsverzeichnis erkennen lassen, erzählt das Buch einzelne Geschichten vom Hesterberg; wer eine durchgehende Abenteuerhandlung sucht, wird eher Alltagsszenen finden.

Wenn du den Roman kennst, lies »Josse« vor und schlag danach Teil 2 wieder auf. Wer die Romane noch nicht kennt, beginnt mit Teil 2: Er spielt auf dem Hesterberg.

Stand: 26. September 2026; Preise und Verfügbarkeit der 7 verlinkten Produkte stammen aus unserem Sortiment. Buchdaten, Leseprobe (Auszug aus dem ersten Kapitel, Inhaltsverzeichnis, Karte), Angaben zu Franziska Sophie Dorau und Melanie Garanin sowie der Berliner Termin: Carlsen (ohne Link). Verkaufszahl: Kiepenheuer & Witsch, Verlagsvorschau Herbst 2024 (ohne Link). Interviews und Kritiken: nachtkritik.de, Februar 2013; Psychologie Heute, 1. April 2014 (ohne Link); KULTUR (kulturzeitschrift.at), Annette Raschner, 4. Juni 2018 (ohne Link); SRF, 1. Oktober 2025. Stoltenberg-Szene im Roman: nachtkritik.de; FAZ, 16. August 2013 (Rezensionsnotiz bei Perlentaucher). Hesterberg: Architektencontor Kiel (2021); M&B Liegenschaften, Projektseite des Bauträgers (ohne Link); Eppendorfer, 5. September 2019; AKENS (Eckhard Heesch, 1997); University of Vermont (Lutz Kaelber); Universität zu Lübeck und Universität Kiel, Mitteilung vom 4. Februar 2022; Günter Wulf, Psychosoziale Umschau 3/2019 (Nachdruck DGVT, 23. Januar 2020); Literaturland Schleswig-Holstein, 28. Mai 2021 (ohne Link). Film: MOIN Filmförderung, 16. Februar 2023; Florence-Nightingale-Krankenhaus, 28. Februar 2023; Wikipedia. Termine: Harbour Front Literaturfestival; Welt, 16. September 2026. Tag der Legasthenie: Pressemitteilung des BVL, 22. September 2026.

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