Am 7. Oktober 2026 beginnt die Frankfurter Buchmesse. Ehrengast ist zum ersten Mal Tschechien, und das Motto lautet »Tschechien – ein Land an der Küste«. Ein Binnenland an der Küste? Die Antwort führt zu Shakespeare, zu einem tschechischen Hafen in Hamburg und zu der Frage, warum ausgerechnet Kafka kaum eine Rolle spielt.
Wir haben die Erstausgabe von Shakespeares »Wintermärchen« von 1623 mit späteren Ausgaben verglichen und stützen uns außerdem auf die Mitteilungen der Buchmesse, auf Verlagsangaben zu den Neuerscheinungen und auf Quellen zur Geschichte des Hamburger Moldauhafens.
Der Band verbindet Milan Kunderas Essay von 1980 über das Prag nach 1968 mit seinem Text »Neunundachtzig Wörter« von 1985. Beide sind erstmals auf Deutsch erschienen, als Hardcover und E-Book, übersetzt von Uli Aumüller. Zur Messe kommen außerdem »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« und Karel Čapeks »Der Krieg mit den Molchen« neu heraus.
Warum nennt sich Tschechien ein Land an der Küste?
Wegen Shakespeare. In seinem »Wintermärchen« landet ein Schiff an der Küste Böhmens, obwohl das Land nie am Meer lag. Laut Buchmesse ist das Motto eine Einladung, Tschechien »als Teil des großen Weltmeeres der Literatur zu entdecken«. Messedirektor Juergen Boos nannte es ein schönes Paradox: kein Meer, aber eine Literatur, die schon immer Grenzen überschritten hat.
Den berühmtesten Beleg für den Irrtum lieferte ein Herausgeber. »Bohemia. A desert country near the sea«, also Böhmen, eine öde Gegend am Meer: Diese Ortsangabe setzte Edmond Malone 1790 über die Szene, 174 Jahre nach Shakespeares Tod. In der Erstausgabe von 1623 steht dort nur »Scæna Tertia« (Nachweis in der Cambridge-Ausgabe von 1863).
Die Küste selbst steht allerdings im Stück: Das Schiff landet dort und geht im Sturm unter. Shakespeare hat sie aus seiner Vorlage übernommen, Robert Greenes Roman »Pandosto« von 1588, und dabei Sizilien und Böhmen vertauscht.
Gespottet wurde darüber schon früh. Um Weihnachten 1618 erzählte Ben Jonson seinem Gastgeber William Drummond, bei Shakespeare erlitten Männer in Böhmen Schiffbruch, »wher ther is no sea neer by some 100 miles«, also dort, wo auf hundert Meilen kein Meer ist. Auf Deutsch griff Ingeborg Bachmann das Motiv auf. Ihr Gedicht »Böhmen liegt am Meer« entstand nach zwei Reisen nach Prag 1964; sie nannte es später »das Gedicht meiner Heimkehr«.
Hat Tschechien einen eigenen Hafen?
Ja, in Hamburg. Der Versailler Vertrag sicherte der Tschechoslowakei 1919 eigene Flächen im Hamburger Hafen zu. Erreichbar sind sie über Moldau und Elbe.
Den Pachtvertrag für Flächen am Moldauhafen und am Saalehafen unterzeichneten Hamburg und die Tschechoslowakei 1929, für 99 Jahre. Er läuft also bis 2028. Die Flächen im Freihafen umfassen rund 28.500 Quadratmeter, Pächterin ist die Tschechische Republik (laut einer Senatsantwort an die Hamburgische Bürgerschaft von 2016). Die Stadt Hamburg zeigte schon 2004 Interesse, die Flächen zu übernehmen.
Das Binnenland hatte sogar eine Hochseeflotte. Die staatliche Reederei Československá námořní plavba wurde 1959 gegründet, Heimathafen ihrer Schiffe war Prag. Insgesamt besaß sie 44 Hochseeschiffe, 1998 endete die Seeschifffahrt.
Auch der tschechische Pavillon spielt mit diesem Bild. Er hat 2.300 Quadratmeter und bietet:
- Bojen und einen »poetischen Leuchtturm«,
- zwei Bühnen namens Harbour Stage und Shore Stage,
- einen Roboter, der beim Live-Zeichnen hilft.
Welche Rolle spielt Kafka auf der Messe?
Kafka bleibt am Rand, denn der Auftritt setzt auf Gegenwartsliteratur. Hauptkriterium für die 75 Eingeladenen war eine deutsche Übersetzung aus den Jahren 2024 bis 2026. Seit 2024 sind laut Messe weit über 100 Bücher neu übersetzt worden.
Keine der zehn großen Begleitausstellungen widmet sich Kafka. Im Pavillon gibt es am 9. Oktober eine Gesprächsrunde mit dem Titel »Kafka nach hundert Jahren, Kafka in uns«.
Indirekt ist er trotzdem da. In Jaroslav Rudišs neuem Roman »Wo die Toten sprechen« fahren drei Freunde in einem alten Saab zu den Gräbern mitteleuropäischer Dichter, darunter Kafkas Grab in Prag. Rudiš schreibt selbst auf Deutsch und Tschechisch. Kafkas tschechische Seite zeigen die »Briefe an Milena«: Milena Jesenská übersetzte als Erste Texte von ihm ins Tschechische.
Woher kommt das Wort Roboter?
Das Wort geht auf den Maler Josef Čapek zurück. Sein Bruder Karel suchte 1920 für sein Drama »R.U.R.« einen Namen für künstliche Arbeiter. »Labori« kam ihm zu papieren vor. Josef soll mit dem Pinsel im Mund gemurmelt haben: »Dann nenn sie doch Roboter.« So erzählte es Karel am 24. Dezember 1933 in der Zeitung Lidové noviny. Das tschechische Wort robota bedeutet Frondienst.
Karel Čapeks Roman »Der Krieg mit den Molchen« erzählt von Riesenmolchen, die sprechen lernen und sich gegen die Menschen auflehnen. 1940 setzten die Nationalsozialisten das Buch auf ihre »Jahresliste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums« (Wikipedia). Doris Kouba hat es neu übersetzt.
Welche Klassiker erscheinen neu?
Am 17. September 2026 hat der Kampa Verlag seine Kundera-Werkausgabe abgeschlossen, mit sechs weiteren Romanen, darunter »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«. Kundera starb im Juli 2023 in Paris. Die tschechische Staatsbürgerschaft, die ihm 1979 aberkannt worden war, hatte er 2019 zurückerhalten.
Am 8. Oktober folgt bei Kampa der »Schwejk«: 896 Seiten mit den Illustrationen von Josef Lada, übersetzt von Grete Reiner. Ihre Übersetzung von 1926 lag auch Erwin Piscators Berliner Inszenierung von 1928 zugrunde, an der Bertolt Brecht mitarbeitete. Grete Reiner wurde 1942 nach Theresienstadt und 1943 nach Auschwitz deportiert und dort 1944 ermordet (Wikipedia).
Bei Suhrkamp erscheint Bohumil Hrabals »Allzu laute Einsamkeit« neu. Der Roman erzählt von Haňťa, der 35 Jahre lang Altpapier presst und dabei die schönsten Bücher rettet. Das Deutsche Filminstitut in Frankfurt zeigt im Oktober Verfilmungen von Hrabals Büchern.
Was kennt Deutschland längst aus Tschechien?
Der kleine Maulwurf etwa stammt von Zdeněk Miler. Er erfand ihn 1956 für einen Film darüber, wie aus Flachs Stoff wird. Auf die Figur kam er nach eigenen Worten, als er im Wald über einen Maulwurfshügel stolperte. Im Westen lief der Maulwurf ab 1968 im Ersten und wurde mit der »Sendung mit der Maus« bekannt, in der DDR unter anderem im »Sandmännchen«. 2011 flog ein Plüschmaulwurf an Bord der Raumfähre Endeavour ins All (ESA). Am 25. September 2026 erschien bei Carlsen der Sammelband »Der kleine Maulwurf erlebt neue Abenteuer!«.
»Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« ist eine tschechisch-deutsche Koproduktion von 1973, gedreht unter anderem auf Schloss Moritzburg bei Dresden. Die Vorlage stammt von der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová. Ab dem 20. November 2026 zeigt Schloss Moritzburg wieder seine Aschenbrödel-Ausstellung.
Wann können Leser die Buchmesse 2026 besuchen?
Am 7. und 8. Oktober ist die Messe dem Fachpublikum vorbehalten. Für alle geöffnet ist sie am Freitag, 9. Oktober, von 11 bis 18.30 Uhr, am Samstag von 9 bis 18.30 Uhr und am Sonntag von 9 bis 17.30 Uhr. Private Besucher werden 2026 auf einer eigenen Ebene empfangen. Das berichtet der Hessische Rundfunk. Der tschechische Pavillon liegt im Forum, Ebene 1; am letzten Messetag übergibt Tschechien die Ehrengastrolle an Chile.
Welche tschechischen Bücher erscheinen zur Buchmesse 2026?
In der Tabelle stehen die tschechischen Neuerscheinungen und Neuausgaben des Herbstes 2026, die wir führen, dazu Bücher der Messegäste Rudiš, Jáchym Topol und Alena Mornštajnová sowie ein Kafka-Band für den Einstieg.
| Titel | Ausgabe | Termin | Preis |
|---|---|---|---|
| Kundera: Prag, ein Gedicht verklingt | Essays, 112 S. | 17.9.2026 | 22,00 € |
| Kundera: Prag, ein Gedicht verklingt | E-Book | 17.9.2026 | 16,99 € |
| Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins | Roman, 416 S. | 17.9.2026 | 26,00 € |
| Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk | Roman, 896 S. | 8.10.2026 | 36,00 € |
| Čapek: Der Krieg mit den Molchen | Roman, neu übersetzt, 368 S. | 23.9.2026 | 26,00 € |
| Hrabal: Allzu laute Einsamkeit | Roman, 126 S. | 30.9.2026 | 18,00 € |
| Rudiš: Wo die Toten sprechen | Roman, 240 S. | 26.8.2026 | 24,00 € |
| Topol: Die Hölle gibt es nicht | Roman, 480 S. | 8.9.2026 | 28,00 € |
| Mornštajnová: Es geschah im November | Taschenbuch | 9.7.2026 | 15,00 € |
| Kafka: Die schönsten Erzählungen | Taschenbuch | 14.2.2024 | 14,00 € |
| Miler: Der kleine Maulwurf erlebt neue Abenteuer! | Sammelband, 128 S. | 25.9.2026 | 16,00 € |
Unsere Empfehlung
Wer bis zum 7. Oktober nur ein Buch lesen will, dem empfehlen wir Kunderas »Prag, ein Gedicht verklingt«: zwei kurze Texte auf 112 Seiten, geschrieben im französischen Exil. Für den Blick auf die Gegenwart eignet sich »Die Hölle gibt es nicht« von Jáchym Topol. Der Roman erzählt vom 24. Februar 2022, dem Tag, an dem Russland die Ukraine überfiel.
Kampas »Schwejk« mit seinen 896 Seiten ist eher ein Vorsatz für den Winter.
Stand: 26. September 2026; Preise und Verfügbarkeit der 12 verlinkten Produkte stammen aus unserem Sortiment. Frankfurter Buchmesse: Mitteilungen vom 2. Oktober 2023, 19. März, 12. Mai und 11. Juni 2026, Pressemappe vom 14. September 2026 und Themenseite zum Ehrengast (ohne Link). Öffnungszeiten: hessenschau, 21. September 2026. Shakespeare: First Folio 1623 (Internet Shakespeare Editions), Cambridge-Ausgabe 1863 (Project Gutenberg); Ben Jonson, »Conversations with William Drummond« (Ausgabe R. F. Patterson, 1923); Folger Shakespeare Library, 30. März 2018. Bachmann: Österreichische Nationalbibliothek, Blog vom 12. September 2018. Moldauhafen: Hamburgische Bürgerschaft, Drucksache 21/5105 (2016, ohne Link); Hamburgische Geschichten, 3. Oktober 2021 (ohne Link); Wikipedia. Reederei: Wikipedia. Roboter: Karel Čapek, »O slově robot«, Lidové noviny, 24. Dezember 1933; Wikipedia, »R.U.R.«. Verlagsangaben: Kampa Verlag (Kundera, Inhalt von »Prag, ein Gedicht verklingt«; Hašek, Illustrationen laut Cover), S. Fischer, Suhrkamp, Luchterhand, Carlsen (ohne Link). Hrabal-Filmreihe: Deutsches Filminstitut (ohne Link). Maulwurf: Česká televize (ČT24), 21. Februar 2021; Wikipedia; ESA. Aschenbrödel: Wikipedia; Schloss Moritzburg (ohne Link).







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