Berlin, Mitte der 70er Jahre. Eine geteilte, eingeklemmte Stadt, und doch voller heftiger und stiller Aufbrüche in Ost und West. Genau dorthin zieht es 1976 eine junge türkische Schauspielerin aus Istanbul, noch niedergedrückt von Erinnerungen an die Militärdiktatur im eigenen Land, aber mit einem großen Traum: Das Theater Bertolt Brechts an der Ostberliner Volksbühne kennen zu lernen.
Mit staunenden Augen und umwerfendem Witz erzählt Emine Sevgi Özdamar von einem Berlin, das kein Deutscher so je gesehen hat: Das Leben ihrer WG-Mitbewohner im Westberliner Wedding und ihrer Ostberliner Freunde in Pankow, die türkischen Einwanderer in der Nachbarschaft, die politischen Ereignisse des »deutschen Herbstes« und – vor allem – ihre heftige Liebe zum Theater Heiner Müllers und Benno Bessons. Als Regieassistentin an der Volksbühne hält sie die Proben zu Müllers Die Bauern und Goethes Bürgergeneral in faszinierenden Skizzen fest, die diesem ganz besonderen Buch einen zusätzlichen Reiz und dokumentarischen Wert geben.
Produktdetails
Erscheinungsdatum: 22.09.2004
Autor/Autorin: Emine Sevgi Özdamar
Einband: Taschenbuch
Auflage: 3. Auflage
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Sprache: Deutsch
Größe (L/B/H): 190/125/15 mm
Seitenanzahl: 256
ISBN: 9783462034288
Pressestimmen
»Was den Roman so besonders macht, ist der Blick der Autorin auf das Erlebte, ein kindlicher Blick, ein urteilsfreies Staunen, das eigentümlich starke Stimmungen erzeugt.«
Kurier
»Das Buch ist hoffnungsvoll, oft komisch, manchmal ironisch, voller Kunst und voller Leben ... man muss Emine Sevgi Özdamar dafür dankbar sein.«
Die Zeit
»Ein deutsch-türkisches Wintermärchen«
FAZ
»Scharfe Zeitwahrnehmungen. Eine Buch wie eine Zeitreise in das Lebens- und Theaterabenteuergefühl einer vergangenen Epoche.«
tip Berlin
Herstellerinformationen
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG Bahnhofsvorplatz 1 50667 Köln DE
Nach dem Putsch 1971 hält das Militär nicht nur das Leben, sondern auch die Träume der Menschen in der Türkei gefangen. Künstlerinnen und Künstler, Linke, Intellektuelle fürchten um ihre Existenz; auch die Erzählerin, die aus Istanbul übers Meer nach Europa flieht. Im Gepäck: der Wunsch, Schauspielerin zu werden, und das unbedingte Verlangen, den so jäh gekappten kulturellen Reichtum ihres Landes andernorts bekannt zu machen und lebendig zu halten, ohne sich im »Tiergarten der Sprachen« auf die bloße Herkunft beschränken zu lassen. Und dort, inmitten des geteilten Berlin, auf den Boulevards von Paris, im Zwiegespräch mit bewunderten Dichtern und Denkern, findet sie sich schließlich wieder in der »Pause der Hölle«, in der Kunst, Politik und Leben uneingeschränkt vereinbar scheinen. Emine Sevgi Özdamars neuer Roman ist das vielstimmige Loblied auf ein Nachkriegseuropa, in dem es für kurze Zeit möglich schien, allein mit den Mitteln der Poesie Grenzen einzureißen. Er ist der sehnsuchtsvolle Nachruf auf die Freunde, Künstler, Bekanntschaften, die sie auf ihrem Weg begleiteten. Vor allem aber ist er die wortgewaltige Eröffnung eines Raums zwischen Bedrohung und Geborgenheit, eines von Schatten begrenzten Raums.
»Wenn ich nur wüsste, wo ich meine Mutterzunge verloren habe«, fragt sich die Erzählerin in Emine Sevgi Özdamars Prosadebüt von 1990. Nach vielen Jahren in Berlin ist ihr das Türkisch, ihre erste Sprache, fremd geworden. Auf der Suche nach ihren Wurzeln verliebt sie sich in den Schriftgelehrten Ibni Abdullah, der sie in die »Großvaterzunge« Arabisch, die Sprache der »heiligen« Liebe und des Korans einführt. Und sie erzählt das Märchen vom armen türkischen Bauern, der ins ferne Deutschland gelangt und sich dort als Straßenkehrer wiederfindet – wie so viele seines Volkes, das sich in den sechziger und siebziger Jahren in die Dienstbotenkaste westdeutscher Großstädte verwandelt. Zuletzt sinkt in diesem klugen, souveränen und mit koboldhafter Ironie erzählten Buch sogar Ophelia von der Bühne ihres Heimatlandes zur Putzfrau eines deutschen Theaters hinab.
Eine junge Frau verlässt 1966 Istanbul und steigt in den Zug nach West-Berlin, um als Vertragsarbeiterin bei Telefunken zu arbeiten. Sie kommt in einem Frauenwohnheim unter, die Schichtarbeit ist hart. Dazu kommen Sprachbarrieren und Einsamkeit, aber sie erlebt auch glückliche Momente der Freundschaft und Solidarität. Zurück in der Türkei, gerät sie in den gesellschaftlichen Aufbruch der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Sie engagiert sich politisch, wird Schauspielerin. Doch auf die Hoffnung folgt bald der Albtraum politischer Repression. Mit scharfem Blick und poetischer Sprache erzählt Emine Sevgi Özdamar von einem Leben zwischen Berlin und Istanbul, der Suche nach Selbstwerdung und der Sehnsucht nach dem Theater.
»Das Leben ist eine Karawanserei« wurde nach seinem Erscheinen als bahnbrechendes literarisches Ereignis und als ein europäisches Werk des magischen Realismus gewürdigt. Ein junges türkisches Mädchen erzählt darin von seinem Aufwachsen in einer anatolischen Familie, die, ständig von Armut bedroht, immer wieder umziehen muss. Es ist eine von Frauen geprägte Welt: Mutter Fatma, Großmutter Ayşe und die »Tanten« der Nachbarschaft kümmern sich um die Kinder, während der oft arbeitslose Vater Gedichte rezitiert, Rakı trinkt und von einem besseren Leben im eigenen Haus träumt.
Die sprachmächtige Geschichtenerzählerin Emine Sevgi Özdamar verwebt dabei historische Ereignisse, Mythologie und Fiktion zu einem beeindruckenden Panorama der türkischen Gesellschaft und ihrer Traditionen in den 1950er und frühen 1960er Jahren – einer Zeit politischer Umbrüche, fortschreitender Urbanisierung und beginnender Arbeitsmigration nach Deutschland.