»Das Leben ist eine Karawanserei« wurde nach seinem Erscheinen als bahnbrechendes literarisches Ereignis und als ein europäisches Werk des magischen Realismus gewürdigt. Ein junges türkisches Mädchen erzählt darin von seinem Aufwachsen in einer anatolischen Familie, die, ständig von Armut bedroht, immer wieder umziehen muss. Es ist eine von Frauen geprägte Welt: Mutter Fatma, Großmutter Ayşe und die »Tanten« der Nachbarschaft kümmern sich um die Kinder, während der oft arbeitslose Vater Gedichte rezitiert, Rakı trinkt und von einem besseren Leben im eigenen Haus träumt.
Die sprachmächtige Geschichtenerzählerin Emine Sevgi Özdamar verwebt dabei historische Ereignisse, Mythologie und Fiktion zu einem beeindruckenden Panorama der türkischen Gesellschaft und ihrer Traditionen in den 1950er und frühen 1960er Jahren – einer Zeit politischer Umbrüche, fortschreitender Urbanisierung und beginnender Arbeitsmigration nach Deutschland.
Produktdetails
Erscheinungsdatum: 24.08.2027
Autor/Autorin: Emine Sevgi Özdamar
Einband: Taschenbuch
Auflage: 1
Verlag: Suhrkamp
Sprache: Deutsch
Seitenanzahl: 348
ISBN: 9783518476116
Darum lohnt sich dieses Buch
Ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 1991
Nach dem Putsch 1971 hält das Militär nicht nur das Leben, sondern auch die Träume der Menschen in der Türkei gefangen. Künstlerinnen und Künstler, Linke, Intellektuelle fürchten um ihre Existenz; auch die Erzählerin, die aus Istanbul übers Meer nach Europa flieht. Im Gepäck: der Wunsch, Schauspielerin zu werden, und das unbedingte Verlangen, den so jäh gekappten kulturellen Reichtum ihres Landes andernorts bekannt zu machen und lebendig zu halten, ohne sich im »Tiergarten der Sprachen« auf die bloße Herkunft beschränken zu lassen. Und dort, inmitten des geteilten Berlin, auf den Boulevards von Paris, im Zwiegespräch mit bewunderten Dichtern und Denkern, findet sie sich schließlich wieder in der »Pause der Hölle«, in der Kunst, Politik und Leben uneingeschränkt vereinbar scheinen. Emine Sevgi Özdamars neuer Roman ist das vielstimmige Loblied auf ein Nachkriegseuropa, in dem es für kurze Zeit möglich schien, allein mit den Mitteln der Poesie Grenzen einzureißen. Er ist der sehnsuchtsvolle Nachruf auf die Freunde, Künstler, Bekanntschaften, die sie auf ihrem Weg begleiteten. Vor allem aber ist er die wortgewaltige Eröffnung eines Raums zwischen Bedrohung und Geborgenheit, eines von Schatten begrenzten Raums.
»Wenn ich nur wüsste, wo ich meine Mutterzunge verloren habe«, fragt sich die Erzählerin in Emine Sevgi Özdamars Prosadebüt von 1990. Nach vielen Jahren in Berlin ist ihr das Türkisch, ihre erste Sprache, fremd geworden. Auf der Suche nach ihren Wurzeln verliebt sie sich in den Schriftgelehrten Ibni Abdullah, der sie in die »Großvaterzunge« Arabisch, die Sprache der »heiligen« Liebe und des Korans einführt. Und sie erzählt das Märchen vom armen türkischen Bauern, der ins ferne Deutschland gelangt und sich dort als Straßenkehrer wiederfindet – wie so viele seines Volkes, das sich in den sechziger und siebziger Jahren in die Dienstbotenkaste westdeutscher Großstädte verwandelt. Zuletzt sinkt in diesem klugen, souveränen und mit koboldhafter Ironie erzählten Buch sogar Ophelia von der Bühne ihres Heimatlandes zur Putzfrau eines deutschen Theaters hinab.
Eine junge Frau verlässt 1966 Istanbul und steigt in den Zug nach West-Berlin, um als Vertragsarbeiterin bei Telefunken zu arbeiten. Sie kommt in einem Frauenwohnheim unter, die Schichtarbeit ist hart. Dazu kommen Sprachbarrieren und Einsamkeit, aber sie erlebt auch glückliche Momente der Freundschaft und Solidarität. Zurück in der Türkei, gerät sie in den gesellschaftlichen Aufbruch der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Sie engagiert sich politisch, wird Schauspielerin. Doch auf die Hoffnung folgt bald der Albtraum politischer Repression. Mit scharfem Blick und poetischer Sprache erzählt Emine Sevgi Özdamar von einem Leben zwischen Berlin und Istanbul, der Suche nach Selbstwerdung und der Sehnsucht nach dem Theater.