Ein Junge verhungert im Winter 1941/42 im belagerten Leningrad, mehr als achtzig Jahre später führt ein alter Mann namens Edgar Zwiegespräche mit ihm. So lässt sich die Versuchsanordnung von Edgar Selges zweitem Roman Juras letzter Winter zusammenfassen, der am 4. September 2026 bei Rowohlt erschien und in der Woche vom 7. bis 13. September neu in die Börsenblatt-Bestsellerlisten einstieg. Wir erklären, wer Jura Rjabinkin war, wie aus einer Bundestagsrede ein Roman wurde und warum die Kritik das Buch lobt und zugleich befragt. Zum Schluss sagen wir, für wen sich der Roman eignet und welche Ausgabe wir wählen.
Grundlage sind die Hörprobe der Autorenlesung bei Argon (rund viereinhalb Minuten aus dem Kapitel »Ein Tagebuch beginnt«), das NDR-Interview mit Edgar Selge, Besprechungen der LiteraturSeiten München, der Abendzeitung und der dpa sowie die Verlags- und VLB-Angaben. Den ganzen Roman haben wir für diesen Beitrag nicht gelesen, ein eigenes Gesamturteil geben wir deshalb nicht ab.
Worum geht es in »Juras letzter Winter«?

Jura Rjabinkin ist sechzehn, als er während der deutschen Blockade Leningrads verhungert. Er hinterlässt ein Tagebuch, und der Ich-Erzähler Edgar, ein alter Mann mit unübersehbaren Zügen des Autors, liest es immer wieder. Aus dem Lesen wird ein Gespräch: Jura antwortet, widerspricht und stellt dem Erzähler unbequeme Gegenfragen.
Die Zeitebenen wechseln dabei laufend, vom Kriegswinter 1941/42 in die Jugend des Erzählers in den 1960er-Jahren, weiter in die 1990er und zurück in die Gegenwart. Selge zitiert Einträge aus dem Tagebuch und stellt ihnen eigene Erinnerungen gegenüber. Den Auftakt bildet eine Szene aus Edgars Jugend, in der er einen Mitschüler niederschlägt.
Wer war Jura Rjabinkin?
Juras Tagebuch beginnt am 22. Juni 1941, dem Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion; den letzten Eintrag datiert die Abendzeitung auf den 6. Januar 1942. Jura spielt Schach, liest viel und träumt davon, zur See zu fahren, obwohl er schlecht sieht und eine kranke Lunge hat. Er lebt mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester Ira in Leningrad, der Vater ist im südlichen Ural in Haft.
Die Blockade dauerte vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944, insgesamt 872 Tage. Nach Schätzungen verloren rund 1,1 Millionen Zivilisten ihr Leben, etwa neun von zehn verhungerten. Juras Aufzeichnungen gehören zu den drei Tagebüchern, auf denen der zweite Teil des »Blockadebuchs« von Ales Adamowitsch und Daniil Granin beruht.
Die vollständige deutsche Ausgabe dieses Dokumentarwerks erschien am 17. August 2018 bei Aufbau, nach Verlagsangabe erstmals unzensiert: gebunden, 703 Seiten, 36 Euro, übersetzt von Ruprecht Willnow und Helmut Ettinger. Bei CineBuch war sie am 17. September 2026 nicht bestellbar.
Wie aus Granins Bundestagsrede ein Roman wurde
Am 27. Januar 2014, zum 70. Jahrestag des Endes der Blockade, sprach der damals 95-jährige Daniil Granin im Bundestag. Laut Bundestagsarchiv erzählte er dort auch von Jura: wie der Junge die abgewogenen Brotrationen für Mutter und Schwester holte, einmal davon aß und sich dafür schämte. Selge las die Rede damals in der Zeitung. Als er 2021 sein erstes Buch abgeschlossen hatte, wurde er gebeten, eine Lesung auf Grundlage dieses Textes zu gestalten, so erzählt er es im NDR-Interview vom 14. September 2026.
Zunächst schrieb Selge in der Er-Form. Nach etwa zwei Jahren war ihm das zu mittelbar, und er stellte auf das Gespräch zwischen Ich-Erzähler und Jura um. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine legte er das Projekt für Monate beiseite, weil es ihm in dieser Lage falsch erschien, sich mit Juras Opfergeschichte zu befassen.
Wieder aufgenommen hat er die Arbeit nach dem Brief einer Kunststudentin, die in der Ukraine mit Kindern gearbeitet hatte. Sie wollte wissen, warum er im April 2022 einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz unterzeichnet hatte, der zur Zurückhaltung bei Waffenlieferungen an die Ukraine aufrief. Diese Auseinandersetzung ist Teil des Romans; laut Abendzeitung bezeichnet Selge seine Unterschrift darin als Fehler.
Gewalt, die von Generation zu Generation weitergeht
Selge nennt das Buch im NDR-Gespräch »eine Hinterfragung der Gewalt«. Im Zentrum steht die Gewalt gegen die Menschen in Leningrad. Daneben geht es um Gewalt, die in denen weiterlebt, die sie ausüben, und die an die nächste Generation weitergegeben wird. Wer Selges Debüt kennt, erinnert sich an den Vater, der den Jungen schlägt; im neuen Roman fragt Edgar diesen Vater, warum er sich das selbst antut.
Als historisches Beispiel zitiert der Roman nach Selges Worten einen Befehl des Generals von Schenkendorf, der deutsche Soldaten in Russland anwies, jedes Mitleid mit dem Feind zu unterdrücken. Die Anfangsszene mit dem niedergeschlagenen Mitschüler gehört in dieselbe Linie: Edgar zeigt sich als jemand, der gequält wurde und selbst zugeschlagen hat.
Jura bleibt dabei eine lebendige Figur, Selge beschreibt ihn als »ungeheuer vitalen und widerstandsfähigen Jungen«. Die Hörprobe gibt davon einen guten Eindruck. Am späten Abend des 22. Juni 1941 schreibt Jura auf, wie der Tag begann: Er wollte im Pionierpalast Schach spielen, bis ein kleiner Junge die Nachricht vom deutschen Angriff auf Kiew und andere Städte verbreitete. Wo der Erzähler Juras Gedanken ausmalt, macht er es mit Wendungen wie »so stelle ich mir vor« kenntlich.
Was die Kritik lobt und was sie bezweifelt
Die LiteraturSeiten München heben am 28. August 2026 hervor, wie vorsichtig und zurückhaltend Selge vorgeht, nie vorlaut oder belehrend; der Roman setze einem wenig beachteten Kriegsopfer ein Denkmal. Die Abendzeitung beschreibt am 3. September 2026, wie Selge zwischen den Zeilen des Tagebuchs nach Juras Familie und Wünschen sucht. Sie merkt aber an, dass seine Reflexionen mitunter abschweifen, etwa zu den Statuen im Nymphenburger Park.
Grundsätzlicher wird die dpa-Besprechung im Tagesspiegel vom selben Tag. Sie hält die Versuchsanordnung für schief: Juras Hungerwinter lasse sich kaum ins Verhältnis zur Kindheit eines gut genährten Jungen im Nachkriegsdeutschland setzen, etwa wenn einer heimlich genaschten Zitronencreme Juras Schuldgefühl über die abgezweigten Brotrationen gegenübersteht. Ein ähnliches Unbehagen formuliert auch die Münchner Besprechung.
Für deine Entscheidung heißt das: Die Nähe zwischen den beiden Leben ist das Wagnis des Buches. Ob sie dich überzeugt oder stört, prägt dein Leseerlebnis stark.
Edgar Selge: vom Kommissar Tauber zum Romanautor
Selge, geboren am 27. März 1948 in Brilon, spielte von 1998 bis 2009 an der Seite von Michaela May den einarmigen Kommissar Jürgen Tauber im »Polizeiruf 110«. Er spielt an großen Theatern, der NDR erinnert an seine Rolle als François in Houellebecqs »Unterwerfung«. Auf seiner Lesereise mit dem neuen Roman ist er unter anderem am 2. Oktober 2026 beim Göttinger Literaturherbst zu Gast.
2021 erschien bei Rowohlt sein Debüt Hast du uns endlich gefunden, ein autofiktionaler Roman über eine Kindheit um 1960 als Sohn eines Gefängnisdirektors. Das Buch erreichte Platz 15 der Börsenblatt-Jahresbestsellerliste Belletristik 2022; für die Lesung seines eigenen Textes erhielt Selge 2022 den Deutschen Hörbuchpreis als bester Interpret. Das Taschenbuch liegt seit dem 14. März 2023 bei Rowohlt vor (304 Seiten, 14 Euro), war bei CineBuch am 17. September 2026 aber nicht bestellbar.
E-Book, Hardcover oder Selge als Sprecher

Hardcover und E-Book erschienen am 4. September 2026, die ungekürzte Autorenlesung folgt am 23. September 2026 bei Argon und ist bei uns vorbestellbar. In der Hörprobe wechselt Selge zwischen Tagebuchzitaten und den Passagen, in denen sein Erzähler Juras Tag ausmalt.
Das E-Book kommt als EPUB mit Wasserzeichen und ist 3,2 MB groß. Wie du es auf deinen Reader bekommst, erklärt unser Ratgeber E-Books auf Kindle, Tolino und Kobo übertragen.
| Ausgabe | Erscheint | Umfang | Preis |
|---|---|---|---|
| MP3-CD · ungekürzt, gelesen von Edgar Selge | 23.09.2026, vorbestellbar | 6 Std. 9 Min. | 25,00 € |
| E-Book · EPUB | 04.09.2026 | 256 Seiten | 14,99 € |
| Hardcover · Rowohlt | 04.09.2026 | 256 Seiten | 25,00 € |
Weiterlesen und -schauen: Granin und die Blockade
Wer nach Selges Roman einen Zeitzeugen selbst lesen möchte, findet bei uns Daniil Granins Mein Leutnant. Granin meldete sich nach dem deutschen Überfall im Juni 1941 als Kriegsfreiwilliger und setzt sich in diesem Roman mit seiner Kriegserfahrung der Jahre 1941 bis 1944 auseinander. Das Taschenbuch erschien 2016 bei Aufbau (329 Seiten, 12,99 Euro), übersetzt von Jekatherina Lebedewa.
Als Film-Ergänzung ist die DVD Blockade – 900 Tage in der Hölle von Leningrad vorbestellbar (Regie: Michail Jerschow, 343 Minuten, FSK 12); sie erscheint am 19. November 2026.
Unsere Empfehlung: Für wen sich »Juras letzter Winter« eignet
Lies den Roman, wenn dich interessiert, wie Kriegserinnerung in einer Familie und in einem einzelnen Kopf weiterarbeitet. Selge verbindet ein historisches Zeugnis mit schonungsloser Selbstbefragung, und die Gespräche mit Jura geben dem Buch eine ungewöhnliche Form. Wer Hast du uns endlich gefunden gelesen hat, begegnet den Themen des Debüts wieder, jetzt aus der Sicht des alten Mannes.
Weniger geeignet ist das Buch, wenn du eine chronologische Geschichte der Blockade suchst. Der Roman springt zwischen den Zeiten, und den Einwand der Kritik gegen die Nähe von Juras Hunger und einer westdeutschen Nachkriegskindheit solltest du ernst nehmen. Für den historischen Hintergrund bleibt das »Blockadebuch« die gründlichere Quelle.
Unsere Wahl ist die Autorenlesung auf MP3-CD: Für die Lesung seines Debüts hat Selge den Hörbuchpreis bekommen, und hier spricht er seine eigene Suche nach Jura. Wer Stellen markieren und nachschlagen will, nimmt das E-Book.
Stand: 17. September 2026. Gesucht haben wir bei CineBuch nach allen Formaten unter Edgar Selge sowie nach den Titeln »Juras letzter Winter« und »Blockadebuch«; Preise und Bestellbarkeit der vier verlinkten Produkte wurden an diesem Tag geprüft. Ausgabedaten: Rowohlt, Argon, Aufbau und VLB zu den jeweiligen ISBN (u. a. 978-3-644-01595-1, 978-3-8398-2249-4 und 978-3-498-00344-9). Hörprobe: Argon, Autorenlesung, Kapitel »Ein Tagebuch beginnt«. Anlass: Börsenblatt, 15. September 2026. Kritiken: LiteraturSeiten München (28. August 2026), Abendzeitung und dpa/Tagesspiegel (3. September 2026), oben verlinkt. Hintergrund: Wikipedia, Leningrader Blockade; Wikipedia, Edgar Selge; zum Tagebuch im »Blockadebuch«: literaturkritik.de, Besprechung des »Blockadebuchs«. Vorbestellbare Titel sind noch nicht lieferbar; angekündigte Termine können sich ändern.




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