Goethes dichterischer Brückenschlag in einer exquisiten Manesse-Jubiläumsausgabe«Wer sich selbst und andre kennt / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.» Der «West-östliche Divan» ist eine einzigartig durchkomponierte Gedichtsammlung, ein Buch poetischer Verklärung, ein Brevier tiefer Weisheit. Es verdankt sich Goethes Entdeckung des persischen Dichters Hafis, den er aus Bewunderung seinen Zwilling nennt. 200 Jahre nach Erscheinen der erweiterten Originalausgabe im Jahr 1827 wird Goethes Geist der west-östlichen Verehrung und Verständigung über Epochen und Kulturkreise hinweg wieder lebendig – dank der profunden Werkedition Max Rychners, die auch die Gedichte aus dem Nachlass samt der Paralipomena sowie «Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans» enthält.Goethe ist 65 Jahre alt, als er 1814 zum ersten Mal die vollständige Übersetzung der Gedichte von Hafis (um 1325–1390) liest. Einige Wochen später bricht er von Weimar zu einer Bäderreise in die Rhein-Main-Gegend auf: der Beginn seiner imaginären Morgenlandfahrt, die in «eine hohe Feier des Glücks» (Rychner) mündet. Abschließend urteilt der Herausgeber in seinem Vorwort: «Es lässt sich kein Ende finden mit diesem Buch, das eine dichterische Seligsprechung des Menschen und der Welt ist.»
In Zeiten, in denen die Welt immer mehr in einen östlichen und einen westlichen Teil auseinanderfällt oder besser: auseinandergetrieben wird von machtvollen Spaltern, ist es bedeutsamer denn je, an den poetischen Brückenschlag Goethes zu erinnern: dass Kultur und Zivilisation kein Vorrecht irgendwelcher Nationalitäten oder politischen Systeme sind: «Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.»