Zu Beginn des neuen Jahrtausends kehrt Carl Bischoff aus der brandenburgischen Provinz nach Berlin zurück, doch nur, um bald wieder aufzubrechen. Seine Pilgerschaft folgt jener wie aus dem Nichts aufgetauchten Tochter eines kasachischen Schamanen, die fast alles über ihn zu wissen scheint. Amsterdam, Rotterdam, die Kurische Nehrung und die winterkalte Steppe Kasachstans sind die Stationen ihrer märchenhaft-magischen wie zweifelhaften Liebe. Einen surrealen Ausgang findet Ayshas und Carls Geschichte mitten im alten Atombombentestgelände, in dem sich Ayshas Sippe verschanzt hat, um ein Opfer zur Rettung der Erde vorzubereiten – während Carl der Welt abhandenkommt.
Ist das Liebe, Verhängnis – oder Verschwörung? Dieser große, Grenzen sprengende Roman beginnt mit einer kleinen, nicht heilenden Wunde, die ein Kuss verursacht hat, und führt uns um den halben Erdball. Nach den preisgekrönten Bestsellern Kruso und Stern 111 erzählt Lutz Seiler das Leben seines Helden weiter, in dem sich Weltgeschichte und persönliches Schicksal überschneiden.
Produktdetails
Erscheinungsdatum: 02.10.2026
Autor/Autorin: Lutz Seiler
Einband: Hardcover
Auflage: 1
Verlag: Suhrkamp
Sprache: Deutsch
Größe (L/B/H): 210/140/35 mm
Seitenanzahl: 464
ISBN: 9783518433157
Pressestimmen
»Lutz Seiler ist der Schamane der Literatur. Er schreibt mit einem wundergläubigen Vertrauen in die Sprache, und deshalb sind seine Sätze auch so erdenthoben schön und klar.«
Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 20. Oktober 2026
»Lutz Seilers Magischer Realismus hat mit diesem Roman einen Höhepunkt erreicht.«
Welf Grombacher, Freie Presse, 20. Oktober 2026
»In "Das tickende Herz" schickt Lutz Seiler seinen Dichter Carl Bischoff auf eine Reise zwischen Radioaktivität und Schamanismus, Wirklichkeit und Magie. Ein Roman voller romantischer Ironie. ... Aber die existenzielle Suche, die in [Bischoff] steckt, ist sehr ernst zu nehmen.«
Helmut Böttiger, Neue Zürcher Zeitung, 16. Oktober 2026
»Lutz Seilers Das tickende Herz ist ein Bildungsroman, eine Deutschlandgeschichte, ein Gegenwartsbuch, in dem die Zeit nach dem Herzen tickt.«
Michael Braun, Kölner Stadt-Anzeiger, 16. Oktober 2026
»Erzählt wird eng an [dem Helden des Romans] entlang, in einer Sprache, die Komik und Melancholie auf engem Raum verbindet.«
Erika Thomalla, der Freitag, 15. Oktober 2026
»Wichtig ist noch, ... dass dieses Buch den Leser fordert und vergnügt, erschöpft und glücklich macht.«
Cornelia Geissler, Berliner Zeitung, 13. Oktober 2026
»[E]in vielschichtiger Roman über Liebe, Sehnsucht, Zugehörigkeit und die Frage, wie eng persönliche Lebenswege mit den Umbrüchen ihrer Zeit verbunden sind.«
MDR, 11. Oktober 2026
»[S]prühend, abgründig, gewaltig. ... Lutz Seiler ist ein außerordentlicher Schriftsteller. Er besitzt scharfen Blick für das sprechende Detail, einen Sinn für den kühnen, aber treffenden Vergleich und ein sicheres Gefühl für Takt und Rhythmus der Sprache.«
Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung, 8. Oktober 2026
»Kein Zweifel allerdings, dass Lutz Seiler mit diesem Roman wieder ein großer Wurf gelungen ist – voll sinnlicher Fabulierlust und großer Sprachkunst.«
Angela Gutzeit, Deutschlandfunk, 4. Oktober 2026
»Der neue Roman des Büchner-Preisträgers ist anspruchsvoll und trägt mit großer Sprachkunst durch diese Odyssee: Es geht um die Rettung der Welt!«
Stefanie Wirsching, Augsburger Allgemeine, 3. Oktober 2026
»Ein wunderbares Leseerlebnis ... Ich war beeindruckt von der ungeheuren Sorgfalt und Zartheit, mit der erzählt wird.«
Matthias Brandt, Literarisches Quartett, 2. Oktober 2026
»Wir sind uns einig, dass Lutz Seiler ein grandioser Autor ist und dass Das tickende Herz ein Roman ist, den man in diesem Herbst gelesen haben sollte.«
Thea Dorn, Literarisches Quartett, 2. Oktober 2026
CineBuch-Redaktion
Unsere Einschätzung
Kurz nach der Jahrtausendwende kehrt Carl Bischoff, der Held aus »Stern 111«, aus Brandenburg nach Berlin zurück, doch lange hält es ihn dort nicht. Eine Frau namens Aysha, Tochter eines kasachischen Schamanen, taucht unvermittelt in seinem Leben auf und scheint beinahe alles über ihn zu wissen. Er folgt ihr nach Amsterdam und Rotterdam, auf die Kurische Nehrung und bis in die winterliche Steppe Kasachstans.
Am Anfang steht eine kleine Wunde, die ein Kuss hinterlassen hat und die nicht heilen will. Liebe, Verhängnis oder Verschwörung: Diese Frage begleitet Carls Reise, auf der sich Weltgeschichte und privates Schicksal kreuzen. Seiler, der in »Kruso« und »Stern 111« von der Wendezeit erzählt hat, schickt seinen Helden diesmal um den halben Erdball. Kenner von »Stern 111« sollten sich auf märchenhaft-magische Züge einstellen.
Der Flötenspieler, der nicht spielt – was denkt er gerade, dort, vor seinem offenen Fenster? Oder der Patrizier ohne Namen, der stolz seine kostbare Uhr vorzeigt und uns dabei traurig in die Augen schaut – was ist seine Geschichte? Warum ein Porträt mit Uhr statt mit Frau und Kindern? Oder der junge Vater mit seinen beiden Söhnen, die er selbst unterrichtet. Auf den ersten Blick wirkt alles normal, aber dann … Bilder verlocken zum Erzählen, und manchmal fordern sie es regelrecht heraus. Im Laufe der letzten Jahre waren für Lutz Seiler immer wieder Gemälde, Fotografien und Zeichnungen Anlass zum Schreiben, es entstanden Erzählungen, Gedichte und Essays. So wurde beim aufmerksam-zerstreuten Hinschauen aus Edward Hoppers Cape Cod Evening das »Kap des guten Abends«, um das sich nun alle Geschichten dieses Bandes versammelt haben.
Lutz Seiler kehrt nach zwei Romanen zurück in den Heimathafen der Gedichte. Zurück in die Stimmen der Kindheit, ins Waldstadion, in den »Knochenpark« und zur Frage, wo unser »eignes schmales erdreich ankern kann«. Er entdeckt den »Ahnenapparat« seines vom Uranbergbau geschleiften Heimatdorfes, um dort »seinen Toten« zu lauschen. Er durchstreift die Klangwelt des märkischen Kieferngewölbes und ist unterwegs: ob in den Legenden von Trouville oder in Stockholm, seiner zweiten Heimat, immer auf der Suche nach einer »schrift für blinde riesen« und ihrem Blick dorthin, »wo die welt vermutet werden könnte«.
Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte: »Der Hallraum eines Gedichts sollte nicht kleiner sein als der eines Romans«, schreibt Seiler. »Jedes gute Gedicht kann der gestische Kern eines Romans sein und die Verbindung herstellen zum Ursprung des Genres: zum Epos und seinem Gesang.«
Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlassen Inge und Walter Bischoff ihr altes Leben – die Wohnung, den Garten, ihre Arbeit und das Land. Ihre Reise führt die beiden Fünfzigjährigen weit hinaus: Über Notaufnahmelager und Durchgangswohnheime folgen sie einem lange gehegten Traum, einem »Lebensgeheimnis«, von dem selbst ihr Sohn Carl nichts weiß. Carl wiederum, der den Auftrag verweigert, das elterliche Erbe zu übernehmen, flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des »klugen Rudels« aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und Männer, die dunkle Geschäfte, einen Guerillakampf um leerstehende Häuser und die Kellerkneipe Assel betreibt. Im U-Boot der Assel schlingert Carl durch das archaische Chaos der Nachwendezeit, immer in der Hoffnung, Effi wiederzusehen, »die einzige Frau, in die er je verliebt gewesen war«.
Ein Panorama der ersten Nachwendejahre in Ost und West, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse: Nach dem prämierten Bestseller Kruso führt Lutz Seiler die Geschichte in zwei großen Erzählbögen fort – in einem Roadtrip, der seine Bahn um den halben Erdball zieht, und in einem Berlin-Roman, der uns die ersten Tage einer neuen Welt vor Augen führt. Und ganz nebenbei wird die Geschichte einer Familie erzählt, die der Herbst 89 sprengt und die nun versuchen muss, neu zueinander zu finden.
Der Vater, der Angst hat, seine Tochter zu verlieren. Das Kind vor der Schule bei seinem ersten Kuss. Das Palaver des Stotterers, wenn er allein ist. Die Liebe zu einer Schachmeisterin, die plötzlich mehr als vorbei ist. Und immer geht es in diesen Geschichten auch um seltsame Apparaturen und ihr Geräusch: das bestialische Jaulen einer Handsirene, Nacht für Nacht, das leise Knistern eines Geigerzählers unter dem Pullover oder den Ton, den die Zeitwaage macht – eine kleine, unscheinbare Maschine, die in den Gang der Uhren und Schicksale lauscht.
All diese Erzählungen, für die Lutz Seiler mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis (für Turksib) und dem Deutschen Erzählerpreis ausgezeichnet wurde, beschreiben prägende Wendepunkte, das Groteske im Leben und unser häufig vergebliches Ringen um einen anderen Verlauf.
"im felderlatein", das heißt: im Acker einer Sprache sein, ein Streifzug zugleich durch die Legende einer Landschaft, wie sie zu Ohren kommt, beim Gehen, im Flüstern, beim Schweigen. Lutz Seilers neue Gedichte, entstanden zwischen 2004 und 2010, unternehmen Expeditionen ins Grenzland rund um Berlin, mitten in den »satzbau dieser gegend«, die gezeichnet ist vom Wechsel der Zeit.
Mit jedem Schritt auf diesem Weg erweist sich die musikalische Kraft der Gedichte – im felderlatein trifft Lutz Seiler den Ton für die ernsthaftesten Übertreibungen der Poesie: Für die wundersame Geschichte der »ersten zärtlichkeit«, geschehen zu einer Zeit, als die Schatten noch »kleine schwarze zahlungseinheiten« waren. Oder für die Odyssee der »fussinauten«, den Argonauten ebenbürtig an Treue und Beständigkeit. Und nicht zuletzt für die Geschichte der schönen, verstoßenen Aranka, die »aus den kniekehlen gesungen hat«. Legenden im felderlatein.
Vor jedem Gedicht, schrieb Lutz Seiler, liegt die »Geschichte, die wir erlebt haben, das Gedicht trifft ihren Ton, es erzählt sie nicht, es erzählt ihren Ton«. Bedachtsam und nah an den Substanzen arbeitet Seiler sein Material wieder und wieder durch, unaufgeregt, sicher im Ton, mit unverwechselbarer Stimme.
Lutz Seilers Gedichte, entstanden zwischen 2000 und 2003, unternehmen eine Reise durch vierzig kilometer nacht, sie führen hinaus aus der vom Uranbergbau zerstörten Herkunftslandschaft von pech & blende über »deutsche alleenstrassen« und »hinter garagen-zeilen« - hinein in die historische Schichtung mitteldeutscher und brandenburger Gegend.
Mit außerordentlicher musikalischer Sprachkraft verbindet der Autor auf diesem Weg Biographisches, Landschaftliches und Politisches zu »Nervensystemen der Erinnerung«. Dabei sind es die einfachen, konkreten Dinge, an denen Geschichte für einen Moment lesbar wird, in einer augenblicklich treffgenauen, nicht wiederholbaren Konstellation von Vergangenheit und Gegenwart.
In einer gehärteten Sprache außerhalb aller Moden sucht Lutz Seiler nach dem Essentiellen, nach den Spuren unseres Herkommens. Seine Gedichte rufen die dunklen Seiten unseres Daseins auf, graben tief im Vergangenen, legen dessen Schichten frei.
Lutz Seilers Gedichte sind »Erkundungen der Kindheitslandschaften zwischen Abraumhalden und paramilitärischen Formierungen, sie überzeugen durch ihre Intensität der sinnlichen Ausdruckskraft und ihre vielschichtige Bilderwelt. Seine ganz eigene, suggestive Stimme eröffnet einen glaubwürdigen poetischen Raum, wie er in der Gegenwartsdichtung selten zu finden ist«, heißt es in der Begründung zur Verleihung des Kranichsteiner Literaturpreises 1999 an den Autor.
Als seine Freundin verunglückt und er in ein tiefes Loch zu stürzen droht, beschließt Edgar Bendler, nach Hiddensee zu fliehen – auf jene legendenumwobene Insel, die schon vielen Gestrandeten als Zuflucht diente. Er wird Abwäscher im Klausner, einer Kneipe hoch über dem Meer, und lernt Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte. Nach und nach erschließen sich ihm die Geheimnisse der Insel und des Klausners. Als Ed schon glaubt, wieder einen Platz im Leben gefunden zu haben, erschüttert der Herbst 89 das fragile Gefüge der Inselbewohner. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen.
Inselabenteuer und Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft – Lutz Seilers preisgekrönter Roman schlägt einen Bogen vom Sommer 89 bis in die Gegenwart. Die einzigartige Recherche, die diesem Buch zugrunde liegt, folgt den Spuren jener Menschen, die bei ihrer Flucht über die Ostsee verschollen sind, und führt uns dabei bis nach Kopenhagen, in die Katakomben der dänischen Staatspolizei.