Foto: Picture taken by Marcus Cyron
· CC BY-SA 3.0
Valentin Groebner, geboren 1962 in Wien, lehrt als Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Er war u.a. Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg sowie am Europäischen Hochschulinstitut Florenz und Professeur invité an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Er ist der Autor zahlreicher Bücher zur Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. 2024 erhielt er den Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung. Seit 2017 ist er Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Was geschieht, wenn eine historische Epoche plötzlich zu Pop wird und zum Materialreservoir für militante politische Spektakel?Das Mittelalter ist nicht nur eine Epoche, sondern auch ein Kürzel für ein affektives Regime, für starke, ansteckende Gefühle – und das nicht nur im 19. Jahrhundert, der Hochzeit der zuerst romantischen und dann religiösen und nationalen Begeisterung für Mönche, Ritter, Ketzer und ihre vermeintlich »echteren« Lebensformen. Auch Utopien von der Wiedergewinnung authentischeren alternativen Lebens in den 1970er und 1980er Jahren haben sich enthusiastisch auf mittelalterliche Vorbilder bezogen. Sie sahen in ihnen Vorläufer, »Traditionen« und »Wurzeln« der Bewegungen und Subkulturen, die mit ihren gewalttätigen Auftritten damals in ganz Europa für Schlagzeilen sorgten. Bezüge auf ein rebellisches wildes Mittelalter waren in den Protestbewegungen weit verbreitet, zusammen mit neuen Darstellungsformen von Gefühl, politischen Affekten, Evokationen von »Authentizität« und »Reinheit«. Was verbindet die radikalen Armutsbewegungen des hohen und späten Mittelalters mit den militanten Aktivistinnen und Aktivisten – und wie hat die Mediävistik darauf reagiert?