Bücher

Philippe Sands: Friedenspreis 2026, vier Bücher und der Fall Chagos

Die letzte Kolonie von Philippe Sands auf einem Schreibtisch, daneben ein Globus mit Afrika und dem Indischen Ozean

Am 11. Oktober 2026 erhält Philippe Sands in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Knapp drei Wochen vorher, am 23. September, erscheinen zwei seiner Bücher als Taschenbuch: »Die Verschwundenen von Londres 38« und »Die letzte Kolonie«. In seinen Büchern verbindet der französisch-britische Völkerrechtler die Geschichte seiner Familie mit der Entwicklung des internationalen Strafrechts. Wir stellen die vier Bücher vor, die S. Fischer seit 2018 von ihm auf Deutsch veröffentlicht hat, und ergänzen, was sich im Fall der Chagos-Inseln seit 2023 getan hat.

Dieser Überblick stützt sich auf die Begründung des Stiftungsrats, die Verlagsangaben im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB), die Wikipedia-Artikel zu Sands und zu den historischen Figuren seiner Bücher sowie auf den Vertragstext der britischen Regierung zu den Chagos-Inseln.

Die Ehrung in der Paulskirche und ihre Begründung

Der Stiftungsrat des Friedenspreises gab seine Entscheidung am 25. Juni 2026 bekannt. In der Begründung heißt es, Sands setze sich »für Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts« ein. Als Nachfahre von Holocaust-Überlebenden zeige er an der eigenen Familiengeschichte, welche Erfahrungen hinter den Rechtsbegriffen »Genozid« und »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« stehen. Dotiert ist die Auszeichnung mit 25.000 Euro. Die ARD überträgt die Verleihung am 11. Oktober ab 10:45 Uhr live.

Sands wurde am 17. Oktober 1960 in London geboren und ist Professor am University College London. Als Anwalt trat er in mehr als zwei Dutzend Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof auf, darunter im Gutachtenverfahren zu den Chagos-Inseln. Zur Verleihung hat Reclam für den 11. November 2026 einen eigenen Band angekündigt.

Philippe Sands bei S. Fischer: vier Bücher im Überblick

Rückkehr nach Lemberg von Philippe Sands, Taschenbuch bei Fischer
Taschenbuch 2019
Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht von Philippe Sands, Taschenbuch
Taschenbuch 2022
Die letzte Kolonie von Philippe Sands, Taschenbuchausgabe von 2026
Taschenbuch 2026
Die Verschwundenen von Londres 38 von Philippe Sands, Taschenbuchausgabe von 2026
Taschenbuch 2026
Deutsche Ersterscheinung der vier Titel bei S. Fischer laut VLB; die Taschenbücher folgten später. Originaltitel und -jahr laut VLB und Wikipedia.
Titel Original Deutsch
Rückkehr nach Lemberg East West Street (2016) Jan. 2018
Die Rattenlinie The Ratline (2020) Nov. 2020
Die letzte Kolonie The Last Colony (2022) Apr. 2023
Die Verschwundenen von Londres 38 38 Londres Street (2025) Apr. 2025

Bei den drei jüngeren Büchern lag zwischen Original und deutscher Ausgabe höchstens ein Kalenderjahr; »Die Rattenlinie« und »Die Verschwundenen von Londres 38« erschienen auf Deutsch im selben Jahr wie in Großbritannien. »Rückkehr nach Lemberg« übersetzte Reinhild Böhnke, die drei späteren Bücher Thomas Bertram, bei »Londres 38« gemeinsam mit Henning Dedekind.

»Rückkehr nach Lemberg«: zwei Juristen und eine Familie

Im Mittelpunkt stehen laut Verlag Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, zwei Juristen, die unter dem Eindruck der NS-Verbrechen neue Rechtsbegriffe entwarfen. Beide Begriffe stehen im Untertitel der deutschen Ausgabe: »Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Den zweiten Strang bildet Sands’ eigene Familie. Seinem Großvater Leon Buchholz gelang 1938 nach dem »Anschluss« Österreichs die Flucht, seine Wiener Urgroßmutter Amalia Buchholz wurde 1942 in Treblinka ermordet.

Eng mit diesen Recherchen verbunden ist der Dokumentarfilm »What Our Fathers Did: A Nazi Legacy«, für den Sands das Drehbuch schrieb. Darin ist er mit Niklas Frank zu sehen, dem Sohn des Generalgouverneurs Hans Frank, und mit Horst von Wächter, dessen Vater Otto Wächter Gouverneur von Krakau und Galizien war. Das englische Original erhielt 2016 den Baillie Gifford Prize für Sachbücher; das deutsche Taschenbuch liegt in der 7. Auflage vor.

»Die Rattenlinie«: die Flucht des Otto Wächter

Horst von Wächter führt direkt zum zweiten Buch. Ausgehend von Briefen und Dokumenten seiner Familie rekonstruiert Sands das Leben des Vaters: Otto Wächter, SS-Mann und Gouverneur im besetzten Polen, ordnete 1940 die Vertreibung von 68.000 Juden aus Krakau an. Nach dem Krieg entzog er sich vier Jahre lang der Verhaftung, 1949 kam er mit Hilfe des Bischofs Alois Hudal im Vatikan unter. Am 14. Juli 1949 starb er in Rom.

Seinen Tod nennt der Verlag »mysteriös«, und den Umständen dieses Todes geht das Buch nach. »Rattenlinie« nennt man die Fluchtwege, über die frühere Nationalsozialisten nach dem Krieg der Justiz entkamen. Vor dem Buch präsentierte Sands den Stoff 2018 als Radiodokumentation »Intrigue: The Ratline« bei BBC Radio 4. Das Taschenbuch hat 544 Seiten.

»Die letzte Kolonie« und was seit 2023 auf Chagos geschah

Die letzte Kolonie – Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Indischen Ozean von Philippe Sands, Cover des E-Books
E-Book-Ausgabe

Vor der Unabhängigkeit von Mauritius trennte Großbritannien 1965 den Chagos-Archipel im Indischen Ozean ab. Zwischen 1971 und 1973 brachte die britische Verwaltung die Bewohner von den Inseln; im Mai 1973 mussten die letzten von ihnen das Atoll Peros Banhos verlassen und wurden nach Mauritius oder auf die Seychellen gebracht. Auf der Hauptinsel Diego Garcia entstand ein britisch-amerikanischer Militärstützpunkt. Im Zentrum steht, wie schon der Klappentext ankündigt, Liseby Elysé, die 2018 vor dem Internationalen Gerichtshof von ihrer Deportation berichtete. Sands war in diesem Verfahren als Anwalt tätig. 2019 stellte der Gerichtshof in einem Gutachten fest, dass die Abtrennung des Archipels rechtswidrig war und Großbritannien seine Verwaltung so rasch wie möglich beenden müsse. 2021 stützte sich eine Sonderkammer des Internationalen Seegerichtshofs in einem Seegrenzverfahren zwischen Mauritius und den Malediven auf dieses Gutachten.

Seit der deutschen Erstausgabe vom April 2023 hat sich der Fall bewegt. Im Mai 2025 unterzeichneten Großbritannien und Mauritius ein Abkommen, nach dem die Souveränität über den Archipel an Mauritius übergehen soll; für Diego Garcia soll Großbritannien die Rechte zum Betrieb des Stützpunkts für zunächst 99 Jahre behalten. Experten der Vereinten Nationen kritisierten im Juni 2025, dass das Abkommen den Vertriebenen keine Rückkehr nach Diego Garcia erlaubt. Am 16. Februar 2026 landeten vier Chagossianer ohne Genehmigung auf der Île du Coin im Atoll Peros Banhos, um sich dort dauerhaft niederzulassen. Am 19. Februar untersagte der oberste Richter des Territoriums ihre Abschiebung vorläufig per einstweiliger Verfügung.

Ob die Taschenbuchausgabe diese Entwicklung aufgreift, geht aus den Verlagsangaben nicht hervor. Mit 320 Seiten ist »Die letzte Kolonie« das kürzeste der vier hier vorgestellten Bücher, und als einziges von ihnen führen wir es auch als E-Book: eine EPUB-Datei mit digitalem Wasserzeichen und laut VLB 30 Schwarz-Weiß-Abbildungen.

»Die Verschwundenen von Londres 38«: Pinochet in London, ein SS-Mann in Chile

Das jüngste Buch verbindet zwei Lebensläufe. Walther Rauff war im Reichssicherheitshauptamt maßgeblich am Einsatz von Gaswagen beteiligt. Er floh 1949 nach Südamerika und lebte später dauerhaft in Chile.

Londres 38 ist die Adresse eines Hauses im Zentrum von Santiago de Chile. Nach dem Putsch vom 11. September 1973 nutzte der Geheimdienst DINA es bis Ende 1974 als geheimes Haft- und Folterzentrum. Nach Angaben des Verlags stand Rauff ab 1973 im Dienst der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet und wurde in diesem Haus zum Folterer des Regimes. Der zweite Strang spielt in London, wo Pinochet im Oktober 1998 festgenommen wurde; Sands wirkte als Anwalt selbst an dem Verfahren mit. Das Taschenbuch ist mit 624 Seiten das umfangreichste der vier hier vorgestellten Bücher.

Die Ausgaben im Vergleich

Im Regal unterscheiden sich die Taschenbücher deutlich: »Die letzte Kolonie« ist 21 Millimeter stark, »Rückkehr nach Lemberg« 43 Millimeter. Für unterwegs ist das E-Book der »Kolonie« die leichteste Variante.

Ausgaben bei CineBuch, Stand 21. September 2026. Die gebundene Erstausgabe von »Londres 38« ist bei uns nicht erhältlich.
Titel Ausgabe Seiten Preis
Rückkehr nach Lemberg Taschenbuch 592 19,00 €
Die Rattenlinie Taschenbuch 544 17,00 €
Die letzte Kolonie Taschenbuch 2026 320 18,00 €
Die letzte Kolonie gebunden 320 25,00 €
Die letzte Kolonie E-Book 320 14,99 €
Londres 38 Taschenbuch 2026 624 18,00 €

Unsere Empfehlung

Für den Einstieg in das Werk von Philippe Sands empfehlen wir »Rückkehr nach Lemberg«. Das Buch verbindet die Entstehung der Begriffe Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit der Geschichte seiner Familie, und genau diese Verbindung hebt der Stiftungsrat in seiner Begründung hervor.

Einen kürzeren Einstieg bietet »Die letzte Kolonie«. Der Fall, um den es geht, ist mit dem Abkommen von 2025 nicht abgeschlossen; die Landung auf der Île du Coin im Februar 2026 zeigt, dass der Streit um die Rückkehr weitergeht.

Wer »Die Rattenlinie« kennt oder sich für Chile interessiert, findet in »Die Verschwundenen von Londres 38« ein weiteres Buch über einen NS-Täter auf der Flucht, diesmal verknüpft mit Pinochets Diktatur.

Für Leserinnen und Leser, die belastende Stoffe meiden, passen die Bücher kaum: Sie handeln von Massenmord, Vertreibung und Folter, und bis auf »Die letzte Kolonie« haben alle mehr als 500 Seiten.

Stand: 21. September 2026. Friedenspreis: Bekanntgabe vom 25. Juni 2026, Begründung, Preisgeld und Termin laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels und ÖBIB; Band zur Verleihung: VLB (Reclam). Titel, Übersetzungen, Seitenzahlen, Termine und E-Book-Angaben: VLB und S. Fischer, Produktseiten zu den ISBN 978-3-596-29888-4, 978-3-596-70459-0, 978-3-596-71409-4 und 978-3-596-71465-0. Biografie und Werke: Wikipedia, Philippe Sands. Otto Wächter: Wikipedia (englisch). Walther Rauff: Wikipedia sowie englische Wikipedia (Walter Rauff). Londres 38: Wikipedia (englisch). Festnahme Pinochets: Wikipedia. Vertreibung 1971 bis 1973: Wikipedia (englisch). Chagos-Abkommen: Vertragstext der britischen Regierung und Wikipedia, Chagos Archipelago; Landung auf der Île du Coin zusätzlich laut L’Express (Mauritius) über allAfrica, 18. Februar 2026. Geprüft wurden alle sieben Titel von Philippe Sands in unserem Katalog; verlinkt sind die sechs lieferbaren Ausgaben. Vorbestellbare Titel sind noch nicht lieferbar; angekündigte Termine können sich ändern.

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