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Hörbuch Download
Dateiformat:MP3
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Inhaltsangabe
Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so:
"Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich kurz..."
Produktdetails
Erscheinungsdatum: 01.09.2023
Autor/Autorin: Kurt Tucholsky
Gelesen von:Gerald Pichowetz
Format: Hörbuch-Download
Dateiformat: MP3
Verlag: AUDIO MEDIA DIGITAL HÖRBUCH
Sprache: Deutsch
Abspielbar auf: Abspielbar in MP3-kompatiblen Apps, Smartphones und Playern.
Spieldauer: 5 Minuten
ISBN: 9783991602293
Lieferung: Sofort als Hörbuch-Download
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So erfrischend ist das Bad in all den vier Wochen nicht gewesen. So lau hat der Wind nie geweht. So hell hat die Sonne nie geschienen. Nicht, wie an diesem letzten Tag.
Sei gescheit. 12.46 geht der Zug ... und du wirst drin sitzen. 12.46 unerbittlich. Die Arbeit ruft. Und du kommst.
Nicht losreißen kannst du dich. Letzter Tag...
Zunächst ist festzustellen, dass in dem Augenblick, wo der Mann allein ist, etwas von ihm fällt, eine dünne Haut - eine zarte Maske... Einer der größten deutschen Denker, Lichtenberg, hat einmal die Beobachtung aufgezeichnet, wie Menschen in Nebenstraßen ein anderes Gesicht aufsetzen als in Hauptstraßen. Daran ist viel Wahres. Was also tut der Mann, wenn er allein ist?
Im »Grenzfass«, da, wo Preußen an Hamburg stößt, gibt es morgens um halb fünf eine herrliche Hühnerbrühe, die guttut, und nun tanzen sie nicht mehr, nirgends – nun hat es sich ausgetanzt. In der »Finkenbude« dürfen sie auch nicht schlafen – sie dürfen überhaupt nicht mehr in den früheren Logierhäusern schlafen, fast nirgends mehr – die Kommunalbehörden haben das aufgehoben, Gott weiß, warum. In der »Finkenbude« (Finkenstraße) war, als wir eintraten, jener schnelle kühle Luftzug durch das Lokal geflitzt, der immer hindurchzuziehen pflegt, wenn Leute eintreten, die da nichts zu suchen haben – telepathisch geht ein unhörbares Klingelzeichen durch den Raum: »Achtung! Polente!«
Wenn du zur Arbeit gehst
Am frühen Morgen,
Wenn du am Bahnhof stehst
Mit deinen Sorgen:
Da zeigt die Stadt
Dir asphaltglatt
Im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
Die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
Vorbei, verweht, nie wieder.
Was mir an der deutschen Speisekarte der Gasthäuser auffällt, ist ihre Unzweckmäßigkeit. Ob in Deutschland gut oder schlecht gegessen wird, ist wohl nur nach Landstrichen zu sagen, nach den »Geschmäckern«, nach dem Geschlecht, dem Beruf, dem Geldbeutel des Urteilenden – hier handelt es sich um Grundsätzliches, gerade um das, was die Ernährungsausstellung wenigstens stellenweise gut und gescheit gepredigt hat: Esst vernünftig! Es ist aber sehr, sehr schwer, in einem deutschen Restaurant vernünftig zu essen.
Neulich unterhielt ich mich mit einem Ungarn, der, verheiratet und wilder Entschlüsse voll, zum zwanzigsten Male nach Paris gekommen war. Er sagte: »Nicht wahr? Sie bummeln hier gewiss Tag und Nacht?« Ich sah ihn an. Und dachte an eine Szene in einer Pariser Revue, wo ein Bürochef seine ›Dactyla‹ auf den Knien hielt: im seidenen Höschen, mit Wuschelkopf und langen seidenen Strümpfen ... So stellt sich die Welt immer noch Paris vor.
Paris ist eine alte Stadt. Paris ist eine neue Stadt. Aber sie ist nicht neu lackiert, und sie ist auch kein Museum. Sie ist aber konservativ. In Frankreich hat kein wichtiges historisches Ereignis stattgefunden, das nicht von Paris ausgegangen oder in Paris beendet worden wäre. Diese Stadt hat alles schon gehabt, und nichts kann sie mehr in Erstaunen setzen. Nun gibt es nicht mehr von allen den alten Ereignissen Zeugen aus Stein oder Erz – aber durch die Jahrhunderte, in Bauweise, Hausanordnung und Parkanpflanzung hat sich etwas erhalten, eine Tradition, ein Konservatismus, eine geschichtliche Überlieferung.
Wenn man aus Deutschland kommt, versteht man es erst gar nicht. Wir sind doch gewöhnt, dass ein Gasbeamter ein Gasbeamter ist und weiter nichts – dass ein Gerichtsdiener Gerichtsdiener, ein Schaffner Schaffner und ein Billettverkäufer Billettverkäufer ist. Wenn sie wirklich die starre Maske des ›Dienstes‹ ein wenig lüften, so geschieht das meistens, um Unhöflichkeiten zu sagen. Herr Triebecke hat sich eine bunte Mütze aufgesetzt, und Herr Triebecke ist völlig verschwunden: vorhanden ist nur noch einer, der ›seinen Dienst macht‹. Ja, die freiwillige Einordnung in jede Kollektivität, in der man sich geborgen fühlt, geht so weit, dass man in deutschen Diskussionen oft zu hören bekommt: »Ich als Schleswig-Holsteiner«, »Ich als mittlerer Beamter« und sogar: »Ich als Vater ... « Nur, einfach: ›Ich‹, ich als Mensch – das ist selten.
Wir wollen immerzu ankommen, am liebsten gestern, wir möchten es ganz eilig haben, und wenn es schneller, noch schneller, am allerschnellsten geht, dann bilden wir uns ein, etwas gewonnen zu haben. Der Franzose will leben. Dieser Schaffner trug eine belgische Uniform, aber es war etwas durchaus Französisches, was er da gesagt hatte. Der Franzose will leben.
Im August ist Paris die zweithässlichste Stadt der Welt: staubig, heiß, stickig, grau und reizlos. Auf den Boulevards kann man manchmal auch einen Franzosen sehen – der ist dann aus Algier und sieht auch so aus. Die Original-Franzosen sind in Trou-sur-Mer und werden dort mit Flintenschüssen empfangen.
›Nepp‹ heißt: le coup de fusil – es gibt in Paris an der Kirche Saint-Philippe-du-Roule ein Restaurant, das gleich schießt. Und in diesem Sommer hats immerzu geregnet, immerzu, und dazwischen war es heiß, und hochmütig sahen die gerippten Flächen der geschlossenen Fensterläden auf uns herunter, die wir im Staube krochen ... Auf einmal war alles ganz anders.