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Von der Hauptschule nach Harvard: das Buch von Mahmut Martin Yüksel

Buchcover von »Von der Hauptschule nach Harvard« von Mahmut Martin Yüksel vor einem sonnigen Schultreppenhaus.

Am 18. September 2026 ist bei Rowohlt »Von der Hauptschule nach Harvard« erschienen, das erste Buch von Mahmut Martin Yüksel. Der Untertitel sagt, worum es geht: »Ein Bildungsweg gegen die Schwerkraft des Systems«. Der Autor ist promovierter Arzt und Hirnforscher in Zürich; in seinen Grundschulzeugnissen standen überwiegend Vieren und Fünfen. Wir erzählen, was in dem Buch steckt, wie sein Weg verlief und was der aktuelle Bildungsbericht über Kinder sagt, die unter ähnlichen Bedingungen anfangen.

Die Angaben des Verlags haben wir mit einem Porträt des Autors in seiner Regionalzeitung abgeglichen, die Zahlen stammen aus dem Nationalen Bildungsbericht 2026. Das Buch selbst ist gerade erst erschienen; wir stellen es vor, statt es zu bewerten.

Ein Küchentisch mit vier Sprachen

Von der Hauptschule nach Harvard von Mahmut Martin Yüksel, Taschenbuch bei Rowohlt
224 Seiten, Rowohlt Taschenbuch

Seine Eltern sind Jesiden aus einer kurdischen Familie, aufgewachsen ist er in einem niedersächsischen Dorf. Zu Hause werden Georgisch, Türkisch und Kurdisch gesprochen, Deutsch kommt als vierte Sprache dazu. In der ersten Klasse hilft ihm keine der drei Familiensprachen weiter, und bei den Schulaufgaben kann ihm niemand helfen: Beide Eltern mussten die Schule früh verlassen und Geld verdienen.

Er hilft sich selbst, schaut mehr deutsches Fernsehen und sucht in den Pausen das Gespräch mit den anderen Kindern. Für den Anschluss reicht es nicht, und zum Ende der vierten Klasse steht die Empfehlung für die Hauptschule. Mit einer Hauptschulempfehlung werden die weiteren Bildungswege früh enger. Seiner führt nach Harvard.

Beworben wird das Buch mit einer »doppelten Expertise«: der eines Betroffenen und der eines Wissenschaftlers. Yüksel erzählt also seine Kindheit und schaut zugleich aus der Distanz des Forschers auf ein Schulsystem, das schon Zehnjährige sortiert. Debatten über Chancenungleichheit entstehen meist dann, wenn neue Vergleichsstudien schlechte Ergebnisse melden; sein Buch setzt dort an, wo hinter den Prozentzahlen einzelne Kinder stehen.

Bassen, Oyten, Achim, Hamburg, Harvard

Die Stationen hat der Weser-Kurier nachgezeichnet, die Tageszeitung seiner Heimatregion. Geboren wird Yüksel in Marburg, aufgewachsen ist er in Bassen in der Gemeinde Oyten bei Bremen. Nach der Grundschule geht er eher widerwillig auf die Hauptschule in Oyten.

Dann folgt der Schritt, der seinen Weg öffnet: Gegen den Rat seiner Lehrerin geht er auf die Realschule, danach auf das Gymnasium in Achim. Am Ende steht ein Abitur mit 1,7 – erreicht über zwei Schulwechsel, die im deutschen System eher selten nach oben führen. Er studiert Medizin und Informatik in Hamburg, hängt einen Master in Health Business Administration in Erlangen an und geht mit einem einjährigen Stipendium nach Harvard. Inzwischen arbeitet er als Arzt und neurowissenschaftlicher Forscher in Zürich, nach Stationen in Berlin und New York.

Über seinen Weg sagt er im Weser-Kurier: »Der Weg zum Abitur war für mich nicht geradlinig, vieles, was für andere von Anfang an selbstverständlich war, musste ich mir selbst erarbeiten.« In diesem Satz steckt das Thema des ganzen Buches. Sein Weg zeigt, dass neben der eigenen Leistung auch Unterstützung, Übergänge und Gelegenheiten eine Rolle spielen: Lehrkräfte, die einen Wechsel zulassen, und eine Familie, die den Weg mitträgt, auch wenn sie ihn selbst nie gegangen ist.

Was der Bildungsbericht 2026 dazu sagt

Am 15. Juni 2026 ist der Nationale Bildungsbericht »Bildung in Deutschland 2026« erschienen, herausgegeben vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Sein Befund in einem Satz: Die soziale Herkunft bleibt entscheidend für den Bildungserfolg. Drei Zahlen daraus machen konkret, was das bedeutet.

Lange vor der Einschulung geht die Schere auf. Von den Kindern im Kita-Alter, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss haben, besuchen 20 Prozent eine Kindertagesbetreuung; bei Eltern mit hohem Abschluss sind es 39 Prozent. Zum Schuleintritt lassen sich rund 20 Prozent der Unterschiede in den sprachlichen Kompetenzen mit der sozialen Herkunft erklären. Genau diese Lücke beschreibt Yüksel aus der Innensicht eines Kindes, das in der ersten Klasse nicht versteht, was um es herum gesprochen wird.

Dazu kommt ein Problem auf der Seite der Schulen: Der Anteil der Lehrkräfte ohne anerkannte Lehramtsqualifikation hat sich in zehn Jahren auf zwölf Prozent fast verdoppelt, und der Anteil der Jugendlichen, die ohne Abschluss von der Schule gehen, ist weiter gestiegen. Ein einzelner Lebensweg wie der von Yüksel widerlegt diese Zahlen nicht; er zeigt, wie viel Kraft, Glück und Unterstützung nötig sind, damit ein Bildungsweg gegen diesen Trend gelingt.

Taschenbuch oder E-Book?

Die beiden Ausgaben von »Von der Hauptschule nach Harvard« (Stand 20. September 2026)
Ausgabe Umfang Preis
Taschenbuch 224 S. 14,00 €
E-Book 224 S. 10,99 €

Das Buch ist als Taschenbuch-Originalausgabe erschienen, eine gebundene Fassung gibt es nicht. Wer es weitergeben will, etwa an eine Lehrerin, einen Schüler oder die eigenen Eltern, greift zum gedruckten Band; das E-Book bietet dafür größere Schrift und eine Notizfunktion. Der Text ist in beiden Fassungen identisch. Das Taschenbuch misst 190 mal 125 Millimeter und passt damit in jede Schultasche. Die Autorenseite bei CineBuch bündelt die lieferbaren Ausgaben; »Von der Hauptschule nach Harvard« ist sein erstes eigenes Buch.

Drei Bücher, die das Thema weiterdenken

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron, Taschenbuch
Christian Baron
Rückkehr nach Reims von Didier Eribon, Taschenbuch bei Suhrkamp
Didier Eribon
Kinder – Minderheit ohne Schutz von Aladin El-Mafaalani, gebundene Ausgabe
Aladin El-Mafaalani

Christian Barons »Ein Mann seiner Klasse« erzählt von einer Kindheit in Armut im Kaiserslautern der neunziger Jahre, von einem prügelnden Vater und einer depressiven Mutter. Für das Debüt bekam Baron 2020 den Klaus-Michael-Kühne-Preis, der jährlich an das beste deutschsprachige Romandebüt geht; das Taschenbuch hat 288 Seiten. Wo Yüksel die Schule in den Mittelpunkt stellt, schaut Baron auf das, was zu Hause passiert. Inzwischen liegt der Titel bei Ullstein in sechster Auflage vor.

Didier Eribons »Rückkehr nach Reims«, aus dem Französischen von Tobias Haberkorn, ist der Klassiker zum Thema Herkunft. Der Soziologe kehrt nach dem Tod seines Vaters in die Stadt zurück, die er jahrzehntelang gemieden hat, und verbindet die eigene Geschichte mit einer Analyse darüber, was ein Milieuwechsel mit einem Menschen macht. Auf 237 Seiten steht dort, warum Aufstieg selten nur ein Gewinn ist; 2020 hat Jean-Gabriel Périot den Text verfilmt. Die Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp liegt inzwischen in vierter Auflage vor.

Aladin El-Mafaalanis »Kinder – Minderheit ohne Schutz« wechselt die Perspektive vom Einzelnen zur Gesellschaft. Der Soziologe beschreibt, wie Kinder in einer alternden Gesellschaft zur Minderheit werden und wie Kitas und Schulen gleichzeitig Migration, Armut und Digitalisierung bewältigen sollen. Das Buch liefert die Systemebene zu Yüksels Erfahrungsebene.

Unsere Empfehlung

Für Eltern, Lehrkräfte und alle, die mit Schule zu tun haben, ist »Von der Hauptschule nach Harvard« der naheliegende Einstieg in das Thema: eine Lebensgeschichte, die zeigt, an welchen Stellen ein Bildungsweg kippt, geschrieben von jemandem, der beide Seiten kennt. Besonders eindrücklich dürfte das für Jugendliche sein, denen gerade jemand sagt, welche Schulform zu ihnen passt. Mit 224 Seiten ist der Band vom Umfang her auch für eine gemeinsame Lektüre in Klasse oder Lerngruppe überschaubar.

Wer die gesellschaftliche Ebene sucht, greift zu El-Mafaalani, wer die literarische sucht, zu Eribon. Die drei Bücher widersprechen einander nicht, sie beleuchten dasselbe Problem aus drei Perspektiven: Schule, Familie und Gesellschaft.

Weniger geeignet ist Yüksels Buch für Leserinnen und Leser, die eine wissenschaftliche Studie über das Schulsystem erwarten. Im Zentrum steht eine Biografie, die Einordnung kommt aus der Erfahrung des Autors, nicht aus einer Datenerhebung. Wer Zahlen will, liest den Bildungsbericht dazu.

Stand: 20. September 2026. Titel, Untertitel, Umfang, Preise und Erscheinungstermin: VLB und Verlagsangaben von Rowohlt. Biografische Angaben und Zitat: Weser-Kurier, Porträt aus Oyten (teilweise kostenpflichtig) sowie die Autorenseite von Rowohlt. Zahlen aus »Bildung in Deutschland 2026«: Deutscher Bildungsserver zum Nationalen Bildungsbericht, herausgegeben vom DIPF, veröffentlicht am 15. Juni 2026. Die verlinkten Ausgaben wurden bei CineBuch geprüft.

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