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Der neue Juli Zeh: Was hinter dem »Loverboy-Fall« steckt

Buchcover »Pony Show« von Juli Zeh neben einer Justitia-Statue in einer pinkfarbenen Kirmesgondel im Gerichtssaal

Auf dem Umschlag sitzt Justitia mit Augenbinde und Waage in der pinkfarbenen Gondel eines Fahrgeschäfts. In »Pony Show«, dem neuen Roman von Juli Zeh, steht eine Verlegerin vor dem Hamburger Schwurgericht, angeklagt im »Loverboy-Fall«. Das Buch erscheint am 14. Oktober 2026 bei Luchterhand, und der Verlag stellt eine Frage voran, die über den Roman hinausreicht: ob eine Frau »genauso toxisch« sein kann wie ein Mann. Wir haben nachgesehen, was hinter dem Namen des Prozesses steckt, was die Kriminalstatistik über Täterinnen weiß und was der Titel bedeuten könnte.

Eine Leseprobe hat Luchterhand bis zum 28. September 2026 nicht veröffentlicht. Unsere Grundlage sind die Verlagsangaben zu Buch und Hörbuch, das Bundeslagebild Menschenhandel 2025 des Bundeskriminalamts, der Weltbericht der Vereinten Nationen zum Menschenhandel, das Gerichtsverfassungsgesetz und die Seiten der Veranstalter zur Lesereise.

Pony Show von Juli Zeh, Hardcover bei Luchterhand, auf dem Cover Justitia in der Gondel eines Fahrgeschäfts
Hardcover, Luchterhand, 14. Oktober 2026

Das Hardcover hat 512 Seiten, das E-Book erscheint am selben Tag. Das Hörbuch kommt zwei Tage früher, am 12. Oktober, als Download beim Hörverlag: ungekürzt, 19 Stunden und 14 Minuten, gelesen von David Schütter. Die MP3-CD mit drei CDs folgt am 28. Oktober.

Einen früheren Prozessroman von Zeh gibt es als Hörbuch: »Corpus Delicti. Ein Prozess«, gelesen von Helene Grass. Dazu kommt »Zwischen Welten«, der Roman, den sie mit Simon Urban geschrieben hat, als ungekürzte Lesung.

Worum geht es in »Pony Show«?

Betty ist über fünfzig, verheiratet und leitet einen großen Literaturverlag. Fero ist Ende zwanzig und in ihrem Haus auf dem Weg nach oben. Beide arbeiten eng zusammen, bis Fero verschwindet. Betty wird an der ungarischen Grenze gefasst, mit einer Pistole und Falschgeld, und muss sich unter Mordverdacht vor dem Hamburger Schwurgericht verantworten. Der Prozess teilt das Land in zwei Lager.

Verteidigt wird Betty von Mark, für den es das Mandat seines Lebens ist und der bald auch seinem eigenen Urteil misstraut. Luchterhand stellt zwei Lesarten nebeneinander: Ist Betty der Beweis, dass auch eine Frau »genauso toxisch« sein kann wie ein Mann? Oder ein prominentes Opfer einer Gesellschaft, die freiheitsliebenden Frauen noch immer den Prozess macht? Die Veranstalter der Premiere spitzen es auf die Autorin zu: »Warum interessiert sich ausgerechnet die renommierte Autorin und Verfassungsrichterin Juli Zeh für eine boulevardtaugliche Loverboy-Geschichte?«

Warum heißt der Prozess »Loverboy-Fall«?

Weil die Öffentlichkeit Fero für Bettys Geliebten hält. Die Ankündigung des Harbour Front Literaturfestivals nennt ihn den »fünfundzwanzig Jahre jüngeren Mitarbeiter und angeblichen Lover« einer verheirateten, erfolgreichen Unternehmerin. »Loverboy« ist hier der Boulevardname für einen jungen Liebhaber; von Prostitution oder Ausbeutung ist in keiner Verlagsangabe zu »Pony Show« die Rede.

Das Wort hat in Deutschland allerdings eine zweite, dunkle Bedeutung. Bei der Loverboy-Methode spielt jemand einem meist jüngeren Menschen eine Liebesbeziehung vor, macht ihn emotional abhängig und bringt ihn schließlich in die Prostitution. Typischerweise sind die Rollen so verteilt: Männer versuchen »insbesondere junge Frauen emotional an sich zu binden«, schreibt die Polizeiliche Kriminalprävention; der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK) nennt als typische Täter junge Männer zwischen 18 und 30. Zehs Konstellation kehrt das übliche Gefälle um: Die Frau ist die Ältere und die Chefin, der Mann der Jüngere, der von ihr abhängt. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Frage des Verlags nach der »toxischen« Frau lesen.

Können auch Frauen Loverboys sein?

Auch das Bundeskriminalamt nennt im Bundeslagebild Menschenhandel 2025 das Geschlecht: In den meisten Fällen bringe »ein männlicher Täter sein jüngeres weibliches Opfer« über eine vorgetäuschte Liebesbeziehung in Abhängigkeit.

In Zahlen: 2025 schloss die Polizei 391 Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung ab, so viele wie seit 2014 nicht mehr. 545 der 574 Opfer waren weiblich (94,9 Prozent), 15 männlich und vier divers, bei zehn blieb das Geschlecht unbekannt. 91 Opfer, knapp 16 Prozent, wurden über die Loverboy-Methode in die Prostitution gebracht, zehn davon waren minderjährig.

Frauen tauchen in derselben Statistik als Tatverdächtige auf: 112 der 560 Tatverdächtigen waren weiblich, genau 20 Prozent. Nach Geschlecht schlüsselt das BKA die Tatverdächtigen aber nur je Deliktsbereich auf, nicht je Vorgehensweise; wie viele Frauen mit der Loverboy-Methode vorgingen, steht in diesem Lagebild nicht. Eine internationale Zahl, die sich nicht direkt vergleichen lässt, weil sie alle Formen des Menschenhandels und Verurteilte statt Tatverdächtige zählt, liefert der Weltbericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung Unter den 3.633 Verurteilten aus 111 Ländern, die er für 2022 oder das zuletzt verfügbare Jahr auswertet, waren 26 Prozent Frauen. Häufig arbeiteten Männer und Frauen zusammen, Frauen waren öfter Besitzerinnen oder Leiterinnen des Ortes, an dem ausgebeutet wurde. Gab sich der Täter als Partner des Opfers aus, war es eher ein Mann.

Das Glossar der Unabhängigen Aufarbeitungskommission beschreibt ein »bisher relativ unbekanntes« Phänomen, die »Lovergirls«: junge Mädchen, die bereits für einen Loverboy in der Prostitution arbeiten, Kontakt zu anderen Mädchen suchen und sie ihm zuführen. Betroffen sein kann jede Person, auch Jungen, schreibt die Fachberatungsstelle JADWIGA. Unter den 164 minderjährigen Opfern kommerzieller sexueller Ausbeutung waren 2025 40 Jungen; der Loverboy-Methode fielen in diesem Bereich 15 Minderjährige zum Opfer, ohne Angabe des Geschlechts.

Kurz gesagt: Frauen kommen in den Daten vor allem als Mittäterinnen, Anwerberinnen und Betreiberinnen der Orte vor, an denen ausgebeutet wird. Wer sich als Partner des Opfers ausgibt, ist laut UNODC eher ein Mann. In diesem Lagebild weist das BKA nicht gesondert aus, wie viele weibliche Tatverdächtige die Loverboy-Methode nutzten; eine Täterin über fünfzig mit einem Opfer Ende zwanzig würde es mitzählen, aber nicht eigens sichtbar machen.

Warum landet der Fall vor dem Schwurgericht?

Weil Betty unter Mordverdacht steht. Das Schwurgericht ist eine Strafkammer des Landgerichts mit einer festen Liste von Taten, vor allem Mord, Totschlag und Verbrechen mit Todesfolge (§ 74 Abs. 2 GVG). Menschenhandel und Zwangsprostitution stehen nicht darauf; solche Verfahren verhandelt je nach erwarteter Strafe oder Bedeutung des Falls das Amtsgericht oder eine große Strafkammer. Vor dem Schwurgericht steht Betty, weil sie Fero getötet haben soll.

Nach geltendem Recht entscheiden dort drei Berufsrichter und zwei Schöffen gemeinsam (§ 76 GVG). Für einen Schuldspruch braucht es zwei Drittel der Stimmen, also vier von fünf (§ 263 StPO). Für einen Verteidiger wie Mark heißt das: Zwei Stimmen reichen, um eine Verurteilung zu verhindern.

Der Name stammt aus der Zeit, als zwölf Geschworene ohne die Berufsrichter über die Schuld entschieden. Die »Lex Emminger« vom 4. Januar 1924 holte sechs von ihnen an den Richtertisch (LTO), in Bayern gab es die alte Form nach dem Krieg noch einmal bis 1950 (Wikipedia). Seit dem 1. Januar 1975 sitzen zwei Schöffen neben den drei Berufsrichtern; so regelte es das Erste Gesetz zur Reform des Strafverfahrensrechts vom 9. Dezember 1974 (Wolfgang Heinz, Universität Konstanz).

Zeh ist selbst Juristin. Das erste Staatsexamen legte sie 1998 als Jahrgangsbeste in Sachsen ab, 2010 wurde sie mit einer Arbeit über die Rechtsetzung internationaler Übergangsverwaltungen im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina promoviert (Autorenlexikon der Universität Duisburg-Essen). Seit 2019 ist sie ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg, gewählt für zehn Jahre (Tagesspiegel).

Was bedeutet »Pony Show«?

Erklärt haben Zeh und ihr Verlag den Titel bis zum 28. September 2026 nicht. Duden und DWDS führen »Ponyshow« nicht als Stichwort. Im amerikanischen Englisch gibt es die »dog and pony show«, im übertragenen Sinn belegt seit 1949: eine oft aufwendige PR- oder Verkaufspräsentation, auch ein aufgeblasenes, überinszeniertes Ereignis (Merriam-Webster). Ursprünglich hießen so kleine Wanderzirkusse, die im späten 19. Jahrhundert mit dressierten Hunden und Ponys durch amerikanische Kleinstädte zogen (englischsprachige Wikipedia).

Zu dieser Lesart passt, was über den Roman bekannt ist: ein »spektakulärer Schwurgerichtsprozess«, ein Fall, der die Öffentlichkeit spaltet und die Medien »elektrisiert«, und ein Umschlag, der Justitia auf den Rummel setzt. Zeh ist außerdem Reiterin und hat eine »Gebrauchsanweisung für Pferde« geschrieben (Wikipedia); ob der Titel auch darauf anspielt, ist offen.

Wie viel Gerichtssaal steckt in Zehs früheren Romanen?

Mindestens zwei Romane führen in den Gerichtssaal. In »Corpus Delicti. Ein Prozess« (2009) muss sich die Biologin Mia Holl vor einem Schwurgericht verantworten, in einem Staat, der Gesundheit zur Pflicht gemacht hat; der Roman entstand aus einem Theaterstück für die Ruhrtriennale 2007 (Wikipedia). Die Verfilmung von Lena Stahl mit Hannah Herzsprung kommt am 1. Oktober 2026 ins Kino, zwei Wochen vor »Pony Show« (Leonine). Auch ihr zweiter Roman »Spieltrieb« (2004) endet vor Gericht (literaturkritik.de).

Wo stellt Juli Zeh »Pony Show« vor?

Zeh stellt den Roman in großen Konzertsälen vor, begleitet vom Elektropop-Duo WEZN und dem SALO Streichquartett. Die Premiere am 11. Oktober in der Elbphilharmonie, im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals, war am 28. September 2026 ausverkauft. Es folgen die Berliner Philharmonie am 26. Oktober und das Gewandhaus zu Leipzig am 8. November. Am 3. November ist sie zu Gast beim Live-Podcast »Hotel Matze« im Kulturpalast Dresden.

Ausgaben und Zehs frühere Bücher

»Über Menschen« führte 2021 die Jahresbestsellerliste Hardcover Belletristik an, mit 445.000 verkauften Exemplaren (Börsenblatt). Seit »Unterleuten« (2016) erscheinen ihre Romane bei Luchterhand, davor bei Schöffling. »Unterleuten« war mit 640 Seiten das dickste Buch unter den 25 meistverkauften Belletristik-Titeln des Jahres 2016 (Börsenblatt).

»Pony Show« in allen Ausgaben (Hörbuch gelesen von David Schütter), dazu Zehs frühere Titel bei uns; Termin ist das Erscheinen der jeweiligen Ausgabe
Ausgabe Format Termin Preis
Pony Show Hard­cover, 512 S. 14.10.2026 25,00 €
Pony Show E-Book, bei uns nicht erhält­lich 14.10.2026 23,99 €
Pony Show Hörbuch-Download, unge­kürzt, 19:14 Std., bei uns nicht erhält­lich 12.10.2026 24,95 €
Pony Show MP3-CD, 3 CDs, unge­kürzt, bei uns nicht erhält­lich 28.10.2026 25,00 €
Corpus Delicti Hörbuch-CD, Helene Grass, 4:34 Std. 11.8.2009 22,00 €
Zwischen Welten Hörbuch-Download, unge­kürzt, 12:46 Std. 23.1.2023 23,95 €
Gebrauchs­anweisung für Pferde Taschen­buch, 224 S. 24.2.2022 16,00 €

Unsere Empfehlung

Das Hardcover passt zu allen, die Zehs Gesellschaftsromane mögen und wissen wollen, was eine Verfassungsrichterin aus einem Boulevardfall macht. Wer »Corpus Delicti« kennt, bekommt wieder einen Prozess, den die Medien mitverhandeln, diesmal mit einer Frage, auf die auch die Kriminalstatistik keine fertige Antwort hat.

Wer Zeh vor allem wegen der Brandenburger Dörfer aus »Unterleuten« und »Über Menschen« liest, landet in »Pony Show« in einem Hamburger Gerichtssaal und im Literaturbetrieb. Für lange Autofahrten bietet sich die ungekürzte Lesung von David Schütter an, die schon vor dem Buch erscheint.

Stand: 28. September 2026; Preise und Verfügbarkeit der 4 verlinkten Produkte stammen aus unserem Sortiment, die Angaben zu E-Book, Hörbuch-Download und MP3-CD von Luchterhand und dem Hörverlag (ohne Link, ISBN 978-3-641-35100-7, 978-3-8445-5705-3 und 978-3-8445-5704-6). Verlagszitate und Inhalt: Penguin Random House, Seite zum Hardcover (ohne Link); Premiere, Zitat und Beschreibung Feros: Harbour Front Literaturfestival und Elbphilharmonie (ohne Link); weitere Termine: Kulturpalast Dresden, Gewandhaus zu Leipzig und Penguin Random House (ohne Link); Umschlagbeschreibung nach dem Cover. Altersangabe zu Tätern: KOK e. V., Seite zur Loverboy-Methode (ohne Link, am 28. September 2026 nicht erreichbar). Zahlen zu Menschenhandel und Loverboy-Methode: Bundeskriminalamt, Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung 2025 (veröffentlicht am 30. Juli 2026), S. 6, 10, 12, 15 und 27; UNODC, Global Report on Trafficking in Persons 2024, S. 17 und 58. »Ponyshow« im Duden und im DWDS nicht verzeichnet (Abfrage 25. September 2026). »Corpus Delicti« vor dem Schwurgericht: Penguin Random House, Taschenbuchausgabe (ohne Link).

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