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»Wer Visionen hat …«: Was Helmut Schmidt wirklich gesagt hat

Buchcover »Was würde Helmut Schmidt dazu sagen?« vor einem leeren Ledersessel in einem Fernsehstudio, daneben ein Aschenbecher mit brennender Zigarette

»Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen« gilt als Helmut Schmidts bekanntester Satz, und womöglich stammt er gar nicht von ihm. Am 30. Oktober 2026 erscheint im Berlin Verlag »Was würde Helmut Schmidt dazu sagen?« mit dem Untertitel »Und was er wirklich gesagt hat«. Geschrieben haben es vier Menschen, die ihn gut kannten: Sandra Maischberger, Peer Steinbrück, Giovanni di Lorenzo und Thomas Karlauf. Wir haben die berühmtesten Schmidt-Sätze nachgeprüft und festgestellt, dass alle vier Autoren in dieser Zitatgeschichte auftauchen: als Fragesteller, als Erzähler, als Zeuge.

Für die Zitate haben wir die Rede von Angela Merkel beim Staatsakt 2015, die Zitatforschung von Gerald Krieghofer, Faktenchecks der dpa, Presseberichte aus den Jahren 1997 bis 2025 und Angaben der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung ausgewertet.

Was würde Helmut Schmidt dazu sagen? von Sandra Maischberger, Peer Steinbrück, Giovanni di Lorenzo und Thomas Karlauf, gebundene Ausgabe bei Berlin Verlag
Gebunden, Berlin Verlag, 30. Oktober 2026

Der gebundene Band hat 160 Seiten; ein E-Book ist angekündigt. Das Literaturhaus Hamburg lädt am 13. November 2026 zu einem Abend mit den vier Autoren in den Kleinen Saal der Laeiszhalle, drei Tage nach Schmidts elftem Todestag.

Worum geht es in »Was würde Helmut Schmidt dazu sagen?«

Das Buch baut ein Gespräch aus, zu dem sich die vier zum zehnten Todestag im Herbst 2025 trafen; eine kürzere Fassung erschien in der ZEIT, Ausgabe 47/2025. Zuerst erzählt jeder, wie er Schmidt erlebt hat. Dann geht es um die Themen, bei denen sich viele sein Urteil wünschen: Russland, die USA und die Nato, Migration, Demokratie und Populismus.

Weil sich Schmidts Meinung zu heutigen Fragen nur vermuten lässt, setzt das Buch Originalzitate dagegen, »mal korrigierend, mal illustrierend«, wie der Verlag schreibt. Am Ende steht eine Sammlung seiner Sätze. Schmidt starb am 10. November 2015 mit 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn.

Wer sind die vier Wegbegleiter?

Das Literaturhaus Hamburg stellt sie mit ihren Rollen vor: als Lektor und Biograf, als Chefredakteur der ZEIT, als Gegenüber im Fernsehen und als Parteigenosse. Jeder von ihnen hat mit Schmidt oder über ihn ein Buch veröffentlicht.

  • Sandra Maischberger: Mit ihr entstand das Gesprächsbuch »Hand aufs Herz« (Econ, 2002). Zusammen mit Jan Kerhart drehte sie die NDR-Dokumentation »Helmut Schmidt außer Dienst«, die 2008 die Goldene Kamera bekam (Wikipedia).
  • Peer Steinbrück: Er arbeitete von 1978 bis 1981 in Schmidts Kanzleramt, 2011 erschien ihr gemeinsames Buch »Zug um Zug« bei Hoffmann und Campe. Er ist Vorsitzender der Kuratorien der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung (Wikipedia).
  • Giovanni di Lorenzo: Der Chefredakteur der ZEIT führte mit Schmidt die ZEITmagazin-Gespräche »Auf eine Zigarette …« und ab September 2009 die Reihe »Verstehen Sie das, Herr Schmidt?«. Beide erschienen als Bücher bei Kiepenheuer & Witsch.
  • Thomas Karlauf: Er war Lektor bei Siedler und Rowohlt, betreute laut Verlag Schmidts Buchprojekte und schrieb die Biografie »Helmut Schmidt. Die späten Jahre« (Siedler, 2016, 560 Seiten) über die Zeit von 1982 bis 2015 (Perlentaucher).

Hat Schmidt »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen« wirklich gesagt?

Er hat es bestätigt, mit einer Einschränkung. Im März 2010 sagte er im ZEITmagazin, in der Reihe »Verstehen Sie das, Herr Schmidt?«, zu Giovanni di Lorenzo: »Diesen Satz habe ich ein einziges Mal gesagt, er ist aber tausendfach zitiert worden.« Das müsse »mindestens 35 Jahre her sein, vielleicht 40«. Angela Merkel zitierte beim Staatsakt am 23. November 2015 in Hamburg auch seine spätere Einordnung: »Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.«

Belegen lässt sich die frühe Fassung allerdings nicht. Aus den Siebziger- und Achtzigerjahren ist nach der Recherche des Wiener Zitatforschers Gerald Krieghofer kein Beleg bekannt. 1988 schrieb das österreichische Magazin »profil« einen ähnlichen Satz dem damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky zu, »Wer Visionen hat, braucht an Arzt«; Vranitzky bestritt ihn. Mit Schmidts Namen taucht der Satz nach Krieghofers Recherche erstmals am 8. April 1997 auf: In der Berliner Zeitung zitiert Eberhard Diepgen ihn als »Wer Visionen hat, braucht einen Psychiater«. Krieghofer hält es für möglich, dass Schmidt sich die Zuschreibung über die Jahre zu eigen gemacht hat.

Woher stammt »Willen braucht man. Und Zigaretten.«?

Der Satz steht als Motto über dem Abend des Literaturhauses, und er führt zu Sandra Maischberger. Nach einem Bericht der Schweizer Zeitung 20 Minuten fiel er 2007 in der ARD, als sie ihn fragte, wie er sein Arbeitspensum bewältige.

Schmidt rauchte Mentholzigaretten der Marke Reyno White. Beim Neujahrsempfang der Komödie Winterhuder Fährhaus am 6. Januar 2008, fünf Tage nach Inkrafttreten des Hamburger Rauchverbots, rauchten er und Loki Schmidt trotzdem; die Anzeige einer Nichtraucherinitiative hielt die Staatsanwaltschaft für chancenlos (Tagesspiegel).

200 Stangen Reyno: Wie aus einer Anekdote eine Legende wurde

Von einem weiteren Autor des Buches stammt die Anekdote über seinen Vorrat. Am 8. Juli 2013 erzählte Peer Steinbrück bei einer Wahlkampfveranstaltung in Karlsruhe, Schmidt habe sich vor einem drohenden EU-Verbot mit 200 Stangen Reyno eingedeckt (L'essentiel). Die Hamburger Morgenpost rechnete nach: bei einer Schachtel am Tag genug bis etwa zu seinem hundertsten Geburtstag.

Bei der Inventarisierung des Langenhorner Hauses fand die Stiftung nach eigenen Angaben bis 2018 »keine über das normale Maß hinausgehenden ›Reyno‹-Vorräte – auch wenn an Zigarettendosen und Aschenbechern kein Mangel ist« (Tageblatt.de). Das Mentholverbot der EU, 2014 beschlossen, gilt seit dem 20. Mai 2020.

Welche Schmidt-Zitate lassen sich nicht belegen?

Zwei angebliche Schmidt-Sätze kursieren seit Jahren in sozialen Netzwerken. Den Satz »Mit jedem Ingenieur, der Deutschland verlässt, geht ein Stück Wohlstand mit. Mit jedem Ungebildeten, der nach Deutschland kommt, kommt ein Stück Armut mit.« fand ein Faktencheck der dpa vom Dezember 2020 zuerst in Leserkommentaren auf welt.de vom September 2016; Thomas Karlauf, der vierte Autor des Buches, sagte der dpa, er kenne den Satz nicht. Für ein angebliches Zitat über Muslime fand die Stiftung auf Anfrage der dpa im August 2021 keine Spur, weder in der Forschung noch im Helmut-Schmidt-Archiv.

Auch »Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln als eine Minute schießen« ist ungesichert. Wann und ob Schmidt den Satz gesagt hat, lasse sich nicht belegen, sagt Meik Woyke, Vorstandsvorsitzender der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, im vorwärts.

Was Schmidt zu Russland und zur Einwanderung gesagt hat

Russland und Einwanderung verhandelt auch das Buch; Schmidts Originalton dazu ist dokumentiert. Im März 2014 nannte er in der ZEIT das Vorgehen Putins auf der Krim »durchaus verständlich« und die Sanktionen des Westens »dummes Zeug«; es wäre »dem Frieden bekömmlicher als das Androhen von Sanktionen«, sich zusammenzusetzen (taz). Als Kanzler sei für ihn die Nato »essenziell« gewesen, um Moskau zu begegnen, sagt Stiftungschef Woyke im vorwärts.

Zur Einwanderung sagte Schmidt am 11. November 1981: »Die Bundesrepublik soll und will kein Einwanderungsland werden« (Heinrich-Böll-Stiftung). Im Hamburger Abendblatt folgte 2004: »Mit einer demokratischen Gesellschaft ist das Konzept von Multikulti schwer vereinbar.« Im Januar 2015, zehn Monate vor seinem Tod, äußerte er sich neben anderen Prominenten in der Bild-Zeitung: »Deutschland muss weltoffen und tolerant bleiben. Darum ein deutliches Nein zu Pegida!« (evangelisch.de).

Schmidt als Autor: Bücher und Hörbücher

Rund 50 Veröffentlichungen zählt die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, darunter »Menschen und Mächte« (1987), »Außer Dienst« (2008) und »Unser Jahrhundert« (2010), ein Gespräch mit dem Historiker Fritz Stern. Eines seiner letzten Bücher, »Was ich noch sagen wollte«, erschien im März 2015 bei C.H.Beck. Die drei Hörbücher in unserem Sortiment liest Hanns Zischler, bei »Unser Jahrhundert« zusammen mit Hans Peter Hallwachs, bei »Verstehen Sie das, Herr Schmidt?« zusammen mit Marcus Off.

Verstehen Sie das, Herr Schmidt? von Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo, Hörbuch-CD
Mit Giovanni di Lorenzo
Was ich noch sagen wollte von Helmut Schmidt, Hörbuch-CD, gelesen von Hanns Zischler
Aus dem Jahr 2015
Unser Jahrhundert von Helmut Schmidt und Fritz Stern, Hörbuch-CD
Mit Fritz Stern
Das neue Buch und Schmidts eigene Titel in unserem Sortiment; Termin ist das Erscheinen der jeweiligen Ausgabe
Titel Ausgabe Termin Preis
Was würde Helmut Schmidt dazu sagen? gebunden, 160 S. 30.10.2026 18,00 €
Was würde Helmut Schmidt dazu sagen? E-Book, bei uns nicht erhält­lich angekündigt 17,99 €
Verstehen Sie das, Herr Schmidt? Hörbuch-CD, Hanns Zischler und Marcus Off, 4 Std. 1.11.2012 19,99 €
Was ich noch sagen wollte Hörbuch-CD, Hanns Zischler, 5 Std. 26 Min. 1.4.2015 19,99 €
Unser Jahr­hundert Hörbuch-CD, Hanns Zischler und Hans Peter Hallwachs, 5 Std. 7 Min. 15.3.2010 24,99 €
Sechs Reden gebunden, 95 S. 24.8.2010 14,00 €

Wo man Helmut Schmidt in Hamburg begegnet

Am Kattrepel 10 zeigt die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung die Ausstellung »Schmidt! Demokratie leben«, mit kostenlosen Führungen am zweiten und vierten Sonntag im Monat. Führungen durch das Wohnhaus in Langenhorn, in das die Schmidts im Dezember 1961 einzogen, verlost die Stiftung kostenlos; angesetzt sind der 24. Oktober und der 28. November 2026, Bewerbungen für die Verlosung nimmt sie bis zum 2. Oktober 2026 an (helmut-schmidt.de).

Unsere Empfehlung

»Was würde Helmut Schmidt dazu sagen?« passt zu allen, die Schmidt vermissen und wissen wollen, wie seine engsten Wegbegleiter über ihn denken. Der Untertitel verspricht, Spekulation und Originalton zu trennen; daran wird sich das Buch messen lassen. Schmidts eigene Sätze in Gesprächsform bietet »Verstehen Sie das, Herr Schmidt?«: kurze Gespräche mit di Lorenzo, als Hörbuch gesprochen von Marcus Off und Hanns Zischler.

Wer Schmidts Leben nach der Kanzlerschaft ausführlich nachlesen will, findet es in Karlaufs »Helmut Schmidt. Die späten Jahre« über die Jahre 1982 bis 2015.

Stand: 28. September 2026; Preise und Verfügbarkeit der 5 verlinkten Produkte stammen aus unserem Sortiment, geprüft haben wir alle Bücher und Hörbücher von Helmut Schmidt und den vier Autoren. Buchdaten, Verlagszitat und E-Book: Piper/Berlin Verlag, Produktseite zur ISBN 978-3-8270-1600-3 (ohne Link); Abend am 13. November 2026 und Rollen der Autoren: Literaturhaus Hamburg (ohne Link). Hintergrund des Gesprächs: DIE ZEIT 47/2025. Zitate: Rede der Bundeskanzlerin beim Staatsakt am 23. November 2015; ZEITmagazin vom 4. März 2010 nach Gerald Krieghofer, Zitatforschung; 20 Minuten, 10. November 2015; L'essentiel, 11. Juli 2013; Tageblatt.de, 11. März 2018; Tagesspiegel, 25. Januar 2008; dpa-Faktenchecks vom 18. Dezember 2020 und 2. August 2021; vorwärts, 10. November 2025; taz, 26. März 2014; Heinrich-Böll-Stiftung, 23. November 2023; Hamburger Abendblatt, 24. November 2004; evangelisch.de, 6. Januar 2015. Stiftung, Ausstellung und Wohnhaus: helmut-schmidt.de. Wegbegleiter: Wikipedia, Perlentaucher, Kiepenheuer & Witsch (ohne Link).

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