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Elif Shafaks neuer Roman: Wer waren die Frauen um Flaubert?

Buchcover von Elif Shafaks neuem Roman In einem Augenblick die Ewigkeit neben ihrem Roman Am Himmel die Flüsse

Elif Shafak hat einen neuen Roman geschrieben, und er handelt von einem der berühmtesten Schriftsteller Europas: Gustave Flaubert, dem Autor von »Madame Bovary«. Erzählt wird sein Leben aber nicht von ihm selbst, sondern von den Frauen um ihn, darunter sein Kindermädchen, seine Mutter, eine Geliebte und Emma Bovary. In Großbritannien erscheint »In One Brief Moment All Eternity« am 15. Oktober 2026, auf Deutsch kommt »In einem Augenblick die Ewigkeit« am 12. Januar 2027 bei Hanser heraus, mit 656 Seiten und wie der Vorgänger »Am Himmel die Flüsse« übersetzt von Michaela Grabinger. Wir zeigen, was über das Buch bekannt ist, wer die Frauen um Flaubert wirklich waren und warum sein berühmtester Satz vermutlich nie gefallen ist.

Grundlage sind die Titeldaten der deutschen Ausgabe im VLB, die Angaben der Verlage Viking und Knopf, ein Interview mit Elif Shafak im britischen Prospect Magazine sowie Biografien und Forschung zu Flaubert. Eine deutschsprachige Meldung zum neuen Roman haben wir bei unserer Suche nicht gefunden.

Worum es in »In einem Augenblick die Ewigkeit« geht

Buchcover In einem Augenblick die Ewigkeit von Elif Shafak mit bunten Frauensilhouetten auf hellem Grund
Die deutsche Ausgabe erscheint am 12. Januar 2027 bei Hanser

Der Verlag stellt das Buch mit einem harten Satz vor: In einer Zeit großer Umbrüche habe Flaubert die skandalöseste Heldin der Literatur erschaffen, Madame Bovary, und sie dann mit Arsen vergiftet. Shafak dreht die Perspektive um. Was wäre, wenn Emma und die übersehenen Frauen aus Flauberts Leben ihm die Feder aus der Hand nähmen und eine andere Geschichte erzählten?

Der deutsche Verlag Hanser nennt die Erzählerinnen beim Namen: Julie, das Kindermädchen, Flauberts von Trauer gezeichnete Mutter, die Dichterin Louise Colet, mit der er eine Liebesbeziehung hatte, und die ägyptische Tänzerin Kuchuk Hanem; dazu kommt Emma Bovary selbst. Der Roman führt vom Frankreich des 19. Jahrhunderts bis nach Istanbul, Ägypten und Beirut. Siri Hustvedt, deren Stimme auch auf dem deutschen Umschlag steht, schreibt, sie habe das vielstimmige, kenntnisreiche Buch wie in einem Rausch des Vergnügens gelesen.

Auf Englisch hat der Roman 608 Seiten und erscheint bei Viking in Großbritannien; die US-Ausgabe von Knopf folgt am 12. Januar 2027, also am selben Tag wie die deutsche Übersetzung. Das englische Hörbuch liest Shafak teilweise selbst, gemeinsam mit Olivia Vinall und Samuel West. Ein deutsches Hörbuch ist noch nicht angekündigt; den Vorgänger hatte Argon als Hörbuch herausgebracht.

Warum Flaubert? Was Shafak über ihr Buch sagt

Im Gespräch mit dem britischen Prospect Magazine vom 3. Oktober 2026 beschreibt Shafak ihren Roman als Buch über Einsamkeit und über das Anderssein. Sie habe einen berühmten männlichen Autor, der als Kenner der weiblichen Seele gilt, auf den Kopf stellen und die Frauen seine Geschichte erzählen lassen wollen. Überraschend ist, wie sie Flaubert selbst sieht: Der Mann, den wir als großen Schriftsteller verehren, sei in Kindheit und Jugend von seinen engsten Angehörigen als »Idiot der Familie« betrachtet worden.

Auch die Zeit, in der »Madame Bovary« entstand, hat sie beschäftigt. Der Roman sei geschrieben worden, als die Welt auseinanderfiel, sagt Shafak, und die Frage, welche Geschichten man in einem solchen Moment erzählen kann, sei für sie wichtig geworden. Emma Bovary nennt sie eine komplizierte Frau, keinen Engel und keine Bösewichtin. Bei der Ankündigung im Mai hatte sie das Buch einen von Herzen kommenden Liebesbrief an die Literatur genannt.

Wer waren die Frauen um Flaubert?

Emma Bovary ist erfunden, die übrigen Frauen aus Flauberts Leben hat es wirklich gegeben. Über sie und über seine Nichte, die er großzog, weiß man erstaunlich viel:

  • Julie: Kindermädchen der Familie ab 1825, erzählte dem kleinen Gustave Geschichten, starb 1883
  • Caroline Flaubert, geb. Fleuriot (1793–1872): Flauberts Mutter, lebte nach dem Tod des Vaters 1846 mit ihm in Croisset
  • Louise Colet (1810–1876): Dichterin, viermal von der Académie française ausgezeichnet, mit Flaubert von 1846 bis 1848 und erneut ab 1851 liiert, bis 1854 oder Anfang 1855
  • Kuchuk Hanem: Tänzerin in Esna, die Flaubert am 6. März 1850 auf seiner Orientreise mit Maxime Du Camp traf
  • Caroline, seine Nichte: Tochter seiner früh verstorbenen Schwester, von Flaubert wie eine Tochter großgezogen

Besonders eng war die Bindung an Julie. Sie kam 1825 in die Familie, als Gustave vier Jahre alt war, und erzählte ihm Geschichten; Flaubert setzte ihr später ein Denkmal in der Magd Félicité aus der Erzählung »Ein schlichtes Herz«, die 1877 in den »Drei Erzählungen« erschien. Flauberts Briefe an Louise Colet wiederum sind eine der wichtigsten Quellen dafür, wie »Madame Bovary« entstand: Rund 270 davon sind erhalten, viele schildern ausführlich die Arbeit am Roman.

»Madame Bovary, c'est moi« – hat Flaubert das wirklich gesagt?

Kaum ein Satz wird Flaubert so oft zugeschrieben wie dieser: Madame Bovary, das bin ich. Belegt ist er nicht. In Flauberts umfangreichen Briefen kommt er nicht vor. Zum ersten Mal taucht er 1909 auf, fast 30 Jahre nach Flauberts Tod, in einer Fußnote des Literaturwissenschaftlers René Descharmes, und zwar als Hörensagen: Jemand, der die Schriftstellerin Amélie Bosquet gut kannte, habe erzählt, Flaubert habe ihr auf eine Frage hin so geantwortet. Der belgische Literaturwissenschaftler Michel Brix kommt in einer Untersuchung für die Königliche Akademie in Brüssel zu dem Schluss, dass der Satz historisch sehr wahrscheinlich nicht von Flaubert stammt, als Deutung des Romans aber durchaus trifft.

Dass Shafak ausgerechnet die Frauen erzählen lässt, wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Antwort auf den berühmten Satz: Bei ihr erzählen Emma und die anderen, wer Flaubert war.

Der Skandal um »Madame Bovary« wird 170

»Madame Bovary« erschien zuerst in Fortsetzungen, vom 1. Oktober bis 15. Dezember 1856 in der Zeitschrift Revue de Paris. Kurz darauf standen Flaubert, Léon Laurent-Pichat als Herausgeber der Zeitschrift und der Drucker Auguste-Alexis Pillet vor Gericht, angeklagt wegen Verstoßes gegen die guten Sitten. Die Verhandlung fand am 29. Januar 1857 statt, am 7. Februar wurden alle drei freigesprochen; im April erschien der Roman bei Michel Lévy in zwei Bänden als Buch, wie die französische Wikipedia mit Belegen zusammenfasst. Shafaks Roman erscheint auf Deutsch damit gut zwei Wochen vor dem 170. Jahrestag des Prozesses.

Elif Shafak auf Deutsch

Elif Shafak wurde 1971 in Straßburg geboren und schreibt ihre Romane seit vielen Jahren auf Englisch. Auf Deutsch erschienen ihre frühen Romane bei Eichborn, darunter »Der Bastard von Istanbul« (2007). Danach wechselte sie zu Kein & Aber, wo unter anderem »Die vierzig Geheimnisse der Liebe«, »Der Architekt des Sultans« und »Das Flüstern der Feigenbäume« herauskamen, außerdem »Unerhörte Stimmen«, der 2019 auf der Shortlist des Booker Prize stand. Seit 2024 ist Hanser ihr deutscher Verlag.

Ihr bisher letzter Roman »Am Himmel die Flüsse« hat 592 Seiten und verknüpft Lebensgeschichten aus mehreren Jahrhunderten, die alle mit dem Wasser von Tigris und Themse verbunden sind. Laut ihrem britischen Verlag Penguin wurden von der englischen Ausgabe mehr als 500.000 Exemplare verkauft. Auf Deutsch gibt es den Roman als Hardcover, Taschenbuch und E-Book sowie als Hörbuch, gelesen von Pegah Ferydoni.

Welche Ausgabe von »Madame Bovary«?

Wer vor Shafaks Roman noch einmal das Original lesen möchte, hat bei den deutschen Übersetzungen die Wahl. Die Übertragung von Elisabeth Edl erschien 2012 bei Hanser und liegt bei dtv als Taschenbuch vor; Edl hat sie auch herausgegeben und mit Anmerkungen versehen. Bei Diogenes gibt es die Fassung von René Schickele und Irene Riesen, bei Insel die Übersetzung von Maria Dessauer, die im Mai 2027 auch als gebundene Klassikerausgabe erscheint.

Ausgaben

In der Tabelle stehen der neue Roman, der Vorgänger in allen Formaten und vier Ausgaben von »Madame Bovary«.

Elif Shafak und Gustave Flaubert bei CineBuch: der neue Roman, der Vorgänger und Madame Bovary
Titel Ausgabe Erschei­nungs­datum Preis
In einem Augenblick die Ewigkeit Hard­cover, 656 Seiten 12.1.2027 28,00 €
Am Himmel die Flüsse Hard­cover, 592 Seiten 22.7.2024 28,00 €
Am Himmel die Flüsse Taschen­buch 13.4.2026 18,00 €
Am Himmel die Flüsse E-Book 22.7.2024 17,99 €
Am Himmel die Flüsse Hörbuch-Download, 16,5 Std. 22.7.2024 29,95 €
Gustave Flaubert: Madame Bovary Taschen­buch, übersetzt von Elisabeth Edl 1.10.2014 20,00 €
Gustave Flaubert: Madame Bovary Taschen­buch, 464 Seiten, übersetzt von René Schickele und Irene Riesen 22.3.2005 14,00 €
Gustave Flaubert: Madame Bovary Taschen­buch, 455 Seiten, übersetzt von Maria Dessauer 8.12.2015 9,95 €
Gustave Flaubert: Madame Bovary Hard­cover, 455 Seiten, übersetzt von Maria Dessauer 19.5.2027 16,00 €

Unsere Empfehlung

Wer Elif Shafak schon kennt, kann sich den neuen Roman für Januar vormerken und bis dahin »Am Himmel die Flüsse« lesen, falls noch nicht geschehen. Wer Flaubert nur aus der Schule kennt, liest am besten vorher »Madame Bovary«: Emma Bovary gehört laut Verlag zu den Erzählerinnen des neuen Romans, und wer das Original kennt, hat ihre Geschichte als Bezugspunkt im Kopf.

Weniger geeignet ist das Buch für alle, die eine klassische Biografie erwarten. Shafak erzählt in vielen Stimmen und mischt belegte Figuren mit erfundenen; wer wissen will, wie Flaubert tatsächlich lebte, greift besser zusätzlich zu einer Lebensbeschreibung.

Stand: 11. Oktober 2026; Preise und Verfügbarkeit der 9 verlinkten Produkte stammen aus unserem Sortiment. Neuer Roman: VLB, Viking (Penguin UK), Knopf (Penguin Random House US), Elif Shafak (Website), Nasher News (20. Mai 2026). Interview: Prospect Magazine (3. Oktober 2026). Lob: Siri Hustvedt laut Knopf. Verkaufszahl »Am Himmel die Flüsse«: Penguin UK. Shafak auf Deutsch: Perlentaucher, VLB, Booker Prize, Wikipedia. Erzählerinnen: Hanser (Verlagstext im VLB). Flaubert und die Frauen: Wikipedia (fr, en, de), Fachaufsätze zur Familie Flaubert, Briefausgaben nach Francis Steegmuller. »Madame Bovary, c'est moi«: Michel Brix, Académie royale de langue et de littérature françaises de Belgique (2023). Prozess und Erscheinen: Wikipedia (fr), Urteil vom 7. Februar 1857. Übersetzungen: Perlentaucher, VLB.

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