Zum 100. Geburtstag von Gabriel García Márquez am 6. März 2027 erscheint ein Buch, das es auf Deutsch noch nicht gab: »Ein Geruch aus ferner Zeit« versammelt vier frühe Erzählungen, entstanden zwischen 1948 und 1954, und kommt am 11. Februar 2027 bei Kiepenheuer & Witsch heraus. Zwei Wochen später folgt bei FISCHER eine neue Taschenbuchausgabe von »Hundert Jahre Einsamkeit«, dem Roman, dessen Verfilmung Netflix im August 2026 abgeschlossen hat. Welche Erzählungen in dem schmalen Band stehen, verrät der Verlag noch nicht. Wir haben nachgesehen, welche Texte aus diesen Jahren in den deutschen Sammlungen fehlen, und eine Frage geklärt, die viele Leser von »Hundert Jahre Einsamkeit« haben: Gibt es Macondo wirklich?
Wir stützen uns auf die Inhaltsverzeichnisse der deutschen Erzählbände bei der Deutschen Nationalbibliothek, die Verlagsangaben im VLB, Berichte kolumbianischer Zeitungen über den Nachlass und das Jubiläumsjahr sowie auf eine Rede des Autors von 2007. Über »Ein Geruch aus ferner Zeit« haben wir bei unserer Recherche im deutschsprachigen Netz nur Händler- und Katalogseiten gefunden.
»Ein Geruch aus ferner Zeit«: Termin und Inhalt
Das Buch ist schmal: 80 Seiten, gebunden, zum selben Termin kommt ein E-Book. Laut Kiepenheuer & Witsch stammen die Texte aus der Zeit vor seinem Ruhm als Meister des magischen Realismus und zeigen einen jungen Autor, der mit absurden und surrealen Bildern experimentiert. Im VLB steht der Band ausdrücklich als deutsche Erstausgabe.
Übersetzt hat die Erzählungen Dagmar Ploetz. Sie überträgt seit 1983 Literatur aus dem Spanischen, von ihr stammen auch die Neuübersetzung von »Hundert Jahre Einsamkeit« und die deutsche Fassung von »Wir sehen uns im August«; 2010 veröffentlichte sie eine Biografie über García Márquez.
Welche vier Erzählungen könnten es sein?
Titel nennt der Verlag bisher nicht, auch einen spanischen Originalband gibt er nicht an. Eingrenzen lässt sich die Frage trotzdem. Die frühen Erzählungen, die García Márquez später unter dem Titel »Ojos de perro azul« zusammenfasste, sind seit 1982 als »Augen eines blauen Hundes« auf Deutsch zu lesen und stehen auch im Sammelband »Die Erzählungen« von 2008. Laut den Inhaltsverzeichnissen bei der Deutschen Nationalbibliothek enthalten beide Bände elf Texte aus den Jahren 1947 bis 1955.
In spanischen Ausgaben von »Ojos de perro azul« stehen drei Erzählungen mehr, und genau diese drei fehlen in beiden deutschen Bänden: »Tubal-Caín forja una estrella« von 1948, »De cómo Natanael hace una visita« von 1950 und »Un hombre viene bajo la lluvia«, erschienen am 9. Mai 1954 in der Sonntagsbeilage der Bogotáer Zeitung El Espectador. Die erste stammt also aus dem Anfangsjahr des Zeitraums, den der Verlag nennt, die letzte aus dem Schlussjahr. Das ist unsere Ableitung, keine Bestätigung des Verlags; der vierte Text bleibt offen.
Eine zweite Spur führt in die Biblioteca Luis Ángel Arango in Bogotá. Sie erwarb 2017 ein Bündel früher Manuskripte aus den Jahren 1948 bis 1952, darunter nach Angaben der Zeitung El Espectador vier Texte, die vermutlich nie gedruckt wurden. Einem davon hat die Bibliothek vorläufig den Titel »Olor antiguo« gegeben, auf Deutsch etwa »alter Geruch«. Ob Kiepenheuer & Witsch auf diese Blätter zurückgreift, ist nicht bekannt. Sobald der Verlag die Titel nennt, ergänzen wir sie hier.
Wie García Márquez zu schreiben begann
Als die Erzählungen entstanden, war García Márquez zwischen 20 und 27 Jahre alt und verdiente sein Geld als Journalist. Seine erste Erzählung, »La tercera resignación«, druckte El Espectador am 13. September 1947. Im Mai 1948 erschien seine erste Kolumne in der Zeitung El Universal in Cartagena, danach schrieb er in Barranquilla für El Heraldo unter dem Pseudonym Septimus. 1955 ging er als Korrespondent nach Europa. Der Literaturwissenschaftler Donald McGrady beschrieb 1972 in einem Fachaufsatz elf in der Sonntagsbeilage von El Espectador vergessene Erzählungen und Chroniken aus der Zeit zwischen Juli 1948 und Mai 1954, also aus fast genau den Jahren, die der neue Band abdeckt.
Gibt es Macondo wirklich?
Das Dorf aus den Romanen ist erfunden, sein Name stammt aus der Wirklichkeit. In seinen Erinnerungen »Leben, um davon zu erzählen« beschreibt er eine Zugfahrt durch die Bananenzone seiner Kindheit, bei der er an einer Finca vorbeikam, deren Name über dem Tor stand: Macondo. Das Wort war ihm schon bei Fahrten mit seinem Großvater aufgefallen, erst als Erwachsener merkte er, dass ihm sein Klang gefiel. Er hatte es bereits in drei Büchern verwendet, als er zufällig in einem Lexikon las, dass Macondo auch ein tropischer Baum ist, der dem Ceiba-Baum ähnelt.
Als Vorbild für Macondo gilt sein Geburtsort Aracataca im Norden Kolumbiens, wo er die ersten Lebensjahre im Haus seiner Großeltern verbrachte. Schon sein erster Roman »Laubsturm« von 1955 spielt in Macondo. 2006 wollte Aracataca den Namen offiziell übernehmen: Im Juni stimmte der Ort darüber ab, sich in Aracataca-Macondo umzubenennen. 3.342 Menschen stimmten dafür, 250 dagegen, doch für ein gültiges Ergebnis wären laut El Tiempo 7.360 Stimmen nötig gewesen. Macondo blieb, was es in den Romanen ist: ein Ort, den es nur auf dem Papier gibt.
»Hundert Jahre Einsamkeit« als neues Taschenbuch
Gedruckt wurde der Roman zum ersten Mal am 30. Mai 1967 in Buenos Aires, beim Verlag Sudamericana. Wie das Manuskript dorthin kam, hat García Márquez 2007 in einer Rede erzählt: Das Paket mit 590 Schreibmaschinenseiten sollte 82 Pesos Porto kosten, seine Frau Mercedes hatte nur 53. Also schickten sie zunächst die Hälfte, und erst danach merkten sie, dass sie den Schluss abgeschickt hatten statt des Anfangs.
Auf Deutsch erschien »Hundert Jahre Einsamkeit« 1970 in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason. Zum 50. Jubiläum der Erstausgabe brachte Kiepenheuer & Witsch 2017 die Neuübersetzung von Dagmar Ploetz heraus, die seit Oktober 2019 auch als FISCHER Taschenbuch lieferbar ist. Am 24. Februar 2027 erscheint sie dort in einer neuen Ausgabe mit 528 Seiten. Der Verlag wirbt dafür mit dem Satz, die Neuübersetzung komme erstmals ins Taschenbuch; tatsächlich gibt es denselben Text schon in der Ausgabe von 2019. Sichtbar neu ist der Umschlag: Der Papagei ist geblieben, der Hintergrund ist auf der neuen Ausgabe gelb statt grün. Weitere Unterschiede nennt FISCHER nicht.
Wer den Roman lieber hört, findet die Ploetz-Übersetzung als Hörbuch von Hörbuch Hamburg, gelesen von Ulrich Noethen, auf 14 CDs mit 16 Stunden und 48 Minuten Spieldauer.
Die Netflix-Serie ist abgeschlossen
Als Netflix die Verfilmung im März 2019 ankündigte, stand fest, dass die Serie auf Spanisch und größtenteils in Kolumbien entsteht, mit den Söhnen Rodrigo García und Gonzalo García Barcha als ausführenden Produzenten, wie die Nachrichtenagentur AP meldete. Der erste Teil mit acht Folgen startete am 11. Dezember 2024, der zweite folgte am 5. August 2026 mit sieben Folgen, das Finale in Spielfilmlänge am 26. August 2026, wie unter anderem das Filmportal Filmstarts berichtete. Damit ist die Serie mit 16 Folgen zu Ende erzählt, eine deutsche Synchronfassung gibt es. In Kolumbien stand sie nach den offiziellen Netflix-Zahlen mit beiden Teilen auf Platz 1.
»Wir sehen uns im August«: der Roman, der vernichtet werden sollte
Seinen letzten Roman wollte García Márquez selbst nicht veröffentlichen. »Dieses Buch funktioniert nicht. Es muss vernichtet werden«, soll er nach Aussage seiner Söhne gesagt haben, wie das Smithsonian Magazine nach einem BBC-Interview wiedergab. Die Söhne brachten den Roman zehn Jahre nach seinem Tod trotzdem heraus, am 6. März 2024, dem Tag, an dem er 97 geworden wäre; Gonzalo nannte das einen Verrat, aber dafür seien Kinder schließlich da.
Auf Deutsch erschien »Wir sehen uns im August« am 7. März 2024, seit September 2025 gibt es den Roman auch als Taschenbuch. Am 28. Oktober 2026 kommt bei FISCHER zusätzlich eine Geschenkausgabe im Miniformat mit 112 Seiten heraus. Von den letzten Wochen im Leben seines Vaters erzählt Rodrigo García, der als Filmemacher arbeitet, in seinen Erinnerungen »Abschied von Gabo und Mercedes«.
Das Jubiläumsjahr 2027 in Kolumbien
In seiner Heimat wird der 100. Geburtstag groß gefeiert. Kulturministerin Yannai Kadamani kündigte im April 2026 bei der Eröffnung der Buchmesse in Bogotá an, dass die Regierung 2027 per Präsidialdekret zum Jahr des García-Márquez-Centenario erklärt hat, berichtete El Espectador. Die Fundación Gabo widmet ihr Festival im November 2027 dem Jubiläum unter dem Namen Festival Gabo 100, und die Versammlung seines Heimatdepartements Magdalena hat den Geburtstag zum Día de Gabo erklärt.
Auch im kolumbianischen Alltag ist er präsent: Seit 2016 zeigt der 50.000-Peso-Schein sein Porträt mit gelben Schmetterlingen, und seine Asche ruht seit Mai 2016 im Kreuzgang Claustro de la Merced der Universität Cartagena. Gelb war seine Farbe; in einem Interview von 1983 sagte er, ihm könne nichts Schlimmes passieren, solange gelbe Blumen in der Nähe seien, am liebsten gelbe Rosen.
Womit anfangen?
Wer García Márquez erst kennenlernen will, sollte mit »Hundert Jahre Einsamkeit« beginnen: Der Roman erzählt hundert Jahre aus der Geschichte der Familie Buendía und ist das Buch, mit dem Macondo berühmt wurde. Kürzer ist »Wir sehen uns im August« mit 144 Seiten: Ana Magdalena Bach besucht jeden August das Grab ihrer Mutter auf einer Karibikinsel und reist dafür mit dem Schiff an.
»Ein Geruch aus ferner Zeit« richtet sich eher an Leser, die die großen Romane kennen und sehen wollen, wo der Autor angefangen hat. Mit 80 Seiten lässt sich der Band an einem Abend lesen.
Ausgaben
In der Tabelle stehen die Neuerscheinungen zum Jubiläum, die lieferbaren Ausgaben von »Hundert Jahre Einsamkeit« und »Wir sehen uns im August« sowie das Erinnerungsbuch von Rodrigo García. Das E-Book von »Ein Geruch aus ferner Zeit« führen wir nicht, es steht mit dem Preis laut Verlag in der Tabelle.
| Titel | Ausgabe | Erscheinungsdatum | Preis |
|---|---|---|---|
| Ein Geruch aus ferner Zeit | Hardcover, 80 Seiten | 11.2.2027 | 16,00 € |
| Ein Geruch aus ferner Zeit | E-Book (bei uns nicht erhältlich) | 11.2.2027 | 14,99 € |
| Hundert Jahre Einsamkeit (neue Ausgabe) | Taschenbuch, 528 Seiten | 24.2.2027 | 17,00 € |
| Hundert Jahre Einsamkeit (Ausgabe 2019) | Taschenbuch, 528 Seiten | 23.10.2019 | 17,00 € |
| Hundert Jahre Einsamkeit, gelesen von Ulrich Noethen | Hörbuch, 14 CDs | 16.6.2017 | 29,00 € |
| Wir sehen uns im August (Miniformat) | gebunden, 112 Seiten | 28.10.2026 | 15,00 € |
| Wir sehen uns im August | Taschenbuch, 144 Seiten | 24.9.2025 | 14,00 € |
| Wir sehen uns im August | E-Book | 7.3.2024 | 11,99 € |
| Rodrigo García: Abschied von Gabo und Mercedes | E-Book | 7.3.2024 | 18,99 € |
Unsere Empfehlung
Für Leser, die García Márquez lieben, ist »Ein Geruch aus ferner Zeit« das eigentliche Ereignis des Jubiläums: kurze Texte aus der Zeit, als ein junger Reporter in Cartagena und Barranquilla seinen Ton suchte, erstmals in deutscher Übersetzung von Dagmar Ploetz. Wer Macondo noch nicht kennt, beginnt mit »Hundert Jahre Einsamkeit«; die lieferbare Taschenbuchausgabe von 2019 enthält dieselbe Übersetzung wie die neue.
Weniger geeignet ist der Erzählband für alle, die einen Roman mit der Fülle von »Hundert Jahre Einsamkeit« erwarten. Vier frühe Erzählungen auf 80 Seiten sind ein Blick in die Werkstatt, kein Hauptwerk.
Stand: 8. Oktober 2026; Preise und Verfügbarkeit der 8 verlinkten Produkte stammen aus unserem Sortiment, beim E-Book von »Ein Geruch aus ferner Zeit« nennen wir den Preis laut Verlag. Neuausgaben, Termine, Umfang, Übersetzung: VLB, Kiepenheuer & Witsch, FISCHER. Inhalt der deutschen Erzählbände: Deutsche Nationalbibliothek (Inhaltsverzeichnisse); spanische Ausgaben und Erscheinungsdaten der frühen Erzählungen: Donald McGrady in Thesaurus (1972), El Espectador (23. September 2016), Wikipedia. Manuskripte in Bogotá: El Espectador (6. Oktober 2018 und 3. September 2022). Macondo: García Márquez, »Leben, um davon zu erzählen«; Laubsturm und Kindheit in Aracataca: Wikipedia; Abstimmung in Aracataca: El Tiempo (15. Dezember 2024), AFP (26. Juni 2006). Druckdatum der Erstausgabe: educ.ar; Manuskript: Rede von Gabriel García Márquez zur Jubiläumsausgabe der Real Academia Española (2007). Erste deutsche Übersetzung: Deutsche Nationalbibliothek. Netflix: AP (6. März 2019), Filmstarts (27. Mai 2026), Netflix Top 10, Deutsche Synchronkartei. »Wir sehen uns im August«: Smithsonian Magazine (13. März 2024), VLB; Erinnerungen von Rodrigo García: VLB. Jubiläumsjahr: El Espectador (22. April und 26. Juli 2026), Latin American Post (9. September 2026). Geldschein: EFE (2016); Grab: Semana (22. Mai 2016); gelbe Blumen: Interview mit Plinio Apuleyo Mendoza (1983) laut Harry Ransom Center.




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