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Ferdinand von Schirach führt Tagebuch: was über »Ein Jahr« feststeht

Buchcover »Ein Jahr« von Ferdinand von Schirach neben einem aufgeschlagenen Notizbuch auf einem Pariser Cafétisch, dessen Seite sich zu einem Fenster auf eine herbstliche Pariser Straße wölbt

Seit Januar 2026 führt Ferdinand von Schirach Tagebuch, geplant ist ein ganzes Jahr bis Dezember. Am 29. Januar 2027 erscheint es unter dem Titel »Ein Jahr« bei Luchterhand. Das Buch ist also noch gar nicht fertig: Rechnerisch fehlen dem Tagebuch noch drei Monate, und in dieser Zeit ist Schirach auf Tournee. Was über das Buch feststeht, welches berühmte Foto auf dem Umschlag steht und in welcher Tradition Schirach damit schreibt.

Für diesen Beitrag haben wir die Angaben des Verlags und den Umschlag im Verzeichnis lieferbarer Bücher ausgewertet, Interviews mit Schirach über sein Schreiben gelesen und seine Tourdaten auf seiner Website geprüft. Eine Leseprobe gibt es noch nicht.

Ein Jahr von Ferdinand von Schirach, gebundene Ausgabe bei Luchterhand, auf dem Umschlag ein Schwarz-Weiß-Foto aus einem Pariser Café
Erscheint am 29. Januar 2027

»Ein Jahr« erscheint gebunden mit Schutzumschlag und 320 Seiten bei Luchterhand. Angekündigt ist (Stand 30. September 2026) nur diese Ausgabe; ein E-Book oder ein Hörbuch nennt der Verlag noch nicht.

Ein Tagebuch, das gerade entsteht

Laut Verlag hat Schirach von Januar bis Dezember 2026 Tagebuch geführt. Daraus werde ein literarisches Journal: Gespräche und Begegnungen, Erinnerungen, Gedanken über das Schreiben, kurze Erzählungen neben philosophischen und historischen Betrachtungen, Ernstes neben Komischem. Auch das Weltgeschehen kommt darin vor, im Mittelpunkt stehen aber Fragen, die jeden betreffen: was ein gutes Leben ausmacht und wie wir miteinander leben wollen.

Für Schirach ist das eine neue Form. Unter seinen 18 Büchern aus den Jahren 2009 bis 2026 ist kein Tagebuch; am nächsten kommt ihm »Kaffee und Zigaretten« von 2019, das autobiografische Erzählungen, Notizen und Beobachtungen verbindet. Im Verzeichnis lieferbarer Bücher ist »Ein Jahr« der Kategorie »Tagebücher, Briefe, Notizbücher« zugeordnet.

Welches Foto ist auf dem Umschlag?

Wer den Umschlag ansieht, erkennt eine der bekanntesten Aufnahmen des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson: »Brasserie Lipp, Saint-Germain-des-Prés, Paris«, aufgenommen 1969. Zwei Frauen sitzen auf einer Bank in dem Pariser Café. Die ältere liest den »Figaro« und schaut skeptisch zur jüngeren hinüber, die in einem weißen Kleid in ihrer Zeitung blättert.

Das Bild passt zu einem Satz, den der Verlag aus dem Buch zitiert. Sinngemäß: Die großen Namen wie Alexander, Caesar und Napoleon machen Weltgeschichte, das wirkliche Leben aber führen alle anderen, die einfach ihren Alltag bewältigen wollen. Zwei Menschen mit der Zeitung in der Hand, die Weltgeschichte auf dem Papier, das eigene Leben auf der Bank: So lässt sich der Umschlag lesen. Das ist unsere Deutung; der Verlag erklärt die Wahl bisher nicht.

Wie Schirach schreibt

Ein Tagebuch verlangt Disziplin, und die hat Schirach nach eigener Aussage. »Schreiben ist zum großen Teil Routine und nur zu einem sehr kleinen Teil der ›geniale Einfall‹«, sagte er 2018 dem österreichischen Magazin profil, und er verwies auf Thomas Mann, der auf der Flucht, im Zug und auf dem Schiff geschrieben habe, »vor allem aber: jeden Tag«. Unterwegs schreibe er »mit einem Bleistift in ein altes Notizbuch« und übertrage die Notizen später in den Computer (Krautreporter). Einen Zettelkasten mit Stoffen für spätere Geschichten besitze er nicht: »Nur meinen Kopf. Ansonsten notiere ich natürlich Redewendungen, Gedanken oder Bilder«, sagte er 2013 der Legal Tribune Online (LTO). Bei einer Lesung in Halle erzählte er 2019, er schreibe täglich dreieinhalb bis vier Stunden an einer Seite, jeder Satz sei »bestimmt 30 Mal neu geschrieben worden« (campus halensis).

Sein erstes Buch veröffentlichte Schirach mit 45 Jahren, 2009. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt; er lebt in Berlin.

Von Max Frisch bis Christa Wolf: Tagebücher großer Autoren

Mit »Ein Jahr« stellt sich Schirach in eine lange Reihe. Einige Beispiele aus der deutschsprachigen Literatur:

  • Max Frisch, »Tagebuch 1946–1949« (1950): Frischs erstes Buch bei Suhrkamp, in dem schon Motive späterer Werke wie »Andorra« und »Homo faber« stecken (Wikipedia).
  • Christa Wolf, »Ein Tag im Jahr. 1960–2000« (2003): 40 Jahre lang beschrieb Wolf jeweils den 27. September. Das Buch erschien ebenfalls bei Luchterhand (Wikipedia).
  • Peter Handke, »Das Gewicht der Welt« (1977): Handkes erstes veröffentlichtes Journal, ausgewählt aus 14 Notizbüchern (Handke online).
  • Rainald Goetz, »Abfall für alle. Roman eines Jahres« (1999): ein ganzes Jahr, 1998, als Tagebuch im Internet geschrieben, zu einer Zeit, als es das Wort »Blog« noch nicht gab (Wikipedia).
  • Thomas Mann, Tagebücher (zehn Bände, 1977–1995): Die versiegelten Pakete trugen laut taz die Aufschrift »ohne jeden literarischen Wert«; veröffentlicht wurden sie nach seinem Tod trotzdem, bei S. Fischer (taz).
  • Franz Kafka, Tagebücher 1910–1923: Kafka bat Max Brod, sie ungelesen zu verbrennen; Brod veröffentlichte sie trotzdem (Wikipedia).

Am nächsten an Schirachs Idee sind Christa Wolf und Rainald Goetz: ein fester Zeitraum, der vorher feststeht, und das Schreiben als tägliche Übung.

Schirachs Bücher seit 2019: vom Notizbuch zum Tagebuch

Die letzten Jahre zeigen, wie sich Schirachs Schreiben verändert hat. Nach »Kaffee und Zigaretten« (2019) erschienen unter anderem die Erzählbände »Nachmittage« (2022) und »Der stille Freund« (2025). Dessen Titel geht auf seinen Schulfreund Massimo zurück, der an einem frühen Augustmorgen in Florenz begreift, dass nur das Lebendige wahr sei, das Staunen, dieser eine Moment; Massimo nannte ihn später seinen »stillen Freund«, so steht es in der Leseprobe.

Im Februar 2026 folgte mit »Alexander« Schirachs erstes Kinderbuch, mit Zeichnungen, die er selbst angefertigt hat. Die Geschichten dazu hatte er vor Jahren dem damals elfjährigen Sohn befreundeter Leute in Positano erzählt; als der Junge erwachsen war, bat er Schirach, sie aufzuschreiben. Ein Elefant mit lustigen Augenbrauen im Buch stammt von der Dschungelmalerei, die Schirachs Vater an die Wand seines Kinderzimmers gemalt hatte (dpa über RPR1). Das Hörbuch liest Schirach selbst.

Alexander von Ferdinand von Schirach, sein erstes Kinderbuch, E-Book
Das Kinderbuch: Alexander (2026)
Alexander von Ferdinand von Schirach, Hörbuch-Download, gelesen vom Autor
Das Hörbuch, gelesen von Schirach

Wo Schirach bis Dezember auftritt

Die letzten Monate seines Tagebuchjahrs verbringt Schirach auf der Bühne. Im Oktober beginnt die Tournee mit seinem Programm »Der stille Freund«, die bis ins Jahr 2027 reicht. Die Termine bis Dezember 2026 laut seiner Website:

Ferdinand von Schirach mit »Der stille Freund« auf Tournee, Termine bis Dezember 2026 laut schirach.de; Karten bei den Veranstaltern
Datum Stadt Spielstätte
5.10. Berlin Philharmonie
7.10. Essen Philharmonie
10.10. Bremen Die Glocke
14.10. Leipzig Gewandhaus
19.10. Dresden Kulturpalast
22.10. Düsseldorf Tonhalle
28.10. Hamburg Laeiszhalle
9.11. Hannover Theater am Aegi
17.11. Mannheim Rosengarten
23.11. Frankfurt Alte Oper
26.11. Stuttgart Liederhalle
30.11. Düsseldorf Tonhalle
3.12. Freiburg Konzerthaus
12.12. Kassel Kongress Palais
20.12. Hamburg Laeiszhalle
21.12. Berlin Philharmonie

»Ein Jahr« und »Alexander« bei uns

»Ein Jahr« und Schirachs Kinderbuch in unserem Sortiment; Termin ist das Erscheinen der jeweiligen Ausgabe
Titel Ausgabe Termin Preis
Ein Jahr gebunden, 320 S. 29.1.2027 25,00 €
Alexander E-Book, Kinderbuch ab 10 25.2.2026 14,99 €
Alexander Hörbuch-Down­load, gelesen vom Autor, 2 Std. 20 Min. 23.2.2026 17,95 €

Unsere Empfehlung

Wer »Kaffee und Zigaretten« mochte, findet in »Ein Jahr« die konsequente Fortsetzung: Schirach selbst, zwölf Monate lang, in kurzen Einträgen. Wer Tagebücher von Schriftstellern schätzt, von Frisch bis Christa Wolf, sollte sich den 29. Januar 2027 vormerken.

Wer von Schirach vor allem spannende Geschichten mit überraschender Wendung erwartet, sollte wissen: Ein Tagebuch lebt von Beobachtungen, nicht von einem Plot. Für Familien mit Kindern ab zehn Jahren gibt es mit »Alexander« einen leichteren Einstieg in Schirachs Denken.

Stand: 30. September 2026; Preise und Verfügbarkeit der 3 verlinkten Produkte stammen aus unserem Sortiment. Buch und Umschlag: Luchterhand, Verlagsseite (ohne Link), Verzeichnis lieferbarer Bücher; Umschlagfoto: Henri Cartier-Bresson, »Brasserie Lipp, Saint-Germain-des-Prés, Paris«, 1969, Magnum Photos (von uns erkannt, der Verlag nennt den Bildnachweis noch nicht). Schreiben: profil, 9. März 2018 (ohne Link); Krautreporter, 20. November 2014; campus halensis, 6. Juni 2019. Biografie: Agentur Hartges (ohne Link). Tagebücher: Wikipedia; Handke online; taz. Notizen: LTO, 12. Oktober 2013. »Der stille Freund«: Leseprobe (ohne Link). »Alexander«: dpa, 25. Februar 2026; Verlag (ohne Link). Tournee: schirach.de, Auftritte (ohne Link).

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